“Dem Ganja verdanke ich mein Leben”

Cannabis Social Club in Slowenien

Bisher lebte ich in dem Glauben, dass es Cannabis Social Clubs (CSC) vorläufig nur in Spanien und Belgien gibt, hauptsächlich als Züchtergemeinschaften rekreativer Konsumenten. Ich staunte nicht schlecht, als ich auf der Cultiva über den Stand des Slowenischen Sozialen Hanfklubs (SKSK) stolperte. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Klubs stellte sich heraus, dass sie im Gegensatz zu dem belgischen und spanischen Modell Therapiepatienten versorgen – und das bei einem vollständigen Verbot des Hanfkonsums.

Medijuana: Wann ging der SKSK (Slovenski Konopljin Socialni Klub) an den Start und aus welchem Motiv heraus wurde er gegründet?

Jaka Bitenc: Der Klub entstand 2010 in Ljubljana, anlässlich einer eigentlich ökonomischen Demonstration, aber offiziell begannen wir erst 2011 unsere Aktivitäten. Die Grundidee war, den Kranken, die eine vom Gewohnten abweichende Therapiemethode suchen, eine Alternative neben den vom Arzt verschriebenen Medikamenten zu bieten. Mit ein paar Sozialarbeitern, Studenten und Aktivisten scharten wir eine Gruppe von Patienten um uns, die Hanftherapien offen gegenüberstanden, und gründeten den SKSK. 2012 wurde die Regierung auf unsere Aktivitäten aufmerksam.

M: Demnach ist der SKSK kein klassischer spanischer Cannabisklub (bei dem es in erster Linie um den Konsum geht), sondern ihr versucht ausdrücklich, die Bedürfnisse der Kranken zu befriedigen. Steht dahinter irgendeine persönliche Motivation?

JB: Ich selbst bin Konsument von therapeutischem Marihuana. 1991 wurde bei mir eine Zuckerkrankheit diagnostiziert und in meinem Fall sprach das Cannabis am besten an. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Wissen verbreiten muss und den Menschen zu einer wirkungsvolleren Therapiemethode verhelfen kann.

M: Was sagt das Gesetz in Slowenien über den Besitz und die therapeutische Anwendung von Cannabis?

JB: Ähnlich wie in den Gesetzen der übrigen Balkanländer ist jede Aktivität in Verbindung mit Cannabis verboten. Das größte Problem ist, dass nicht einmal die Kranken Cannabis zum Eigengebrauch anbauen dürfen. Mit Fachleuten zusammen haben wir eine Unterschriftensammlung gestartet, um das Gesetz zu ändern. Das haben wir schon letztes Jahr versucht, da kamen 1.800 Unterschriften zusammen, aber wir müssen mindestens 5.000 Namen haben, damit der Antrag ins Parlament kommt. Das klingt vielleicht nicht viel, aber Slowenien hat insgesamt 2 Millionen Einwohner. Dafür haben wir zwei Monate zur Verfügung. Bis zum 2. Dezember müssen wir die Liste abgeben. Ich hoffe, wir haben Erfolg.

M: Wie habt ihr angefangen, den Klub aufzubauen? Habt ihr die spanischen und belgischen Modelle studiert, oder habt ihr lieber eure eigenen Vorstellungen umgesetzt?

JB: Zweimal waren wir bei dem Leiter des ENCOD, bei Joep Oomen in Antwerpen, im Klub Trekt Uw Plant (siehe unser Artikel über den Klub und das belgische Modell in der Medijuana-Ausgabe vom September 2013 – Der Red.), dann haben wir uns in Spanien und Holland umgeschaut. Unser Klub ist insofern anders, als wir nur für Therapiepatienten tätig werden können. Das ist in erster Linie den slowenischen Gesetzen zu verdanken. Wenn es gelingt, diese zu verändern, möchten wir einen Klub ähnlich dem CSC in Barcelona gründen, wo der Beitrag, den die rekreativen Konsumenten zahlen, so kalkuliert ist, dass die Patienten, die ausschließlich medizinische Sorten brauchen, 80 Prozent billiger kaufen können.

M: Wie viele Mitglieder hat der Klub gegenwärtig?

JB: Mehr als fünfhundert. Die slowenische Staatsbürgerschaft ist keine Bedingung, daher haben wir Mitglieder aus dem ehemaligen Jugoslawien, Russland und ganz Europa.

M: Ist die Klubmitgliedschaft hier auch ähnlich wie bei den spanischen Klubs an einen Jahresbeitrag gebunden?

JB: Nein, bei uns hat jeder freien Zutritt. Jeder kann kommen, aber an der “Versorgung” nehmen nur Therapiepatienten teil. Da die Zucht zu medizinischen Zwecken auch verboten ist, können die Kranken kein Marihuana bekommen, sondern nur Cannabisöl und -creme nach der Methode von Rick Simpson (siehe das Interview mit Rick Simpson in der Medijuana-Ausgabe vom März 2012 – Der Red.). Vor drei Jahren konnten wir einen Milliliter Cannabisöl für 50 Euro verkaufen; der Preis hat sich heute auf 70 Euro erhöht.

M: Wie sieht euer Klub aus? Gibt es einen Gemeinschaftsraum wie bei den spanischen CSCs?

JB: Nein, wir haben überhaupt keine Räume. Unsere Tätigkeiten spielen sich an einem öffentlichen Ort in der Hauptstadt Ljubljana ab – da treffen wir uns regelmäßig und geben beispielsweise den Kranken Informationen. Gleichzeitig sitzt mir die Polizei gegenüber, mein Telefon wird abgehört –, aber was kann ich machen? Das Ganja ist mein Leben, dem Ganja verdanke ich, dass ich noch am Leben bin.

M: Welche Kranken kommen am häufigsten in euren Klub?

JB: Es gibt viele Patienten, die an Krebs und multipler Sklerose leiden, außerdem sind Glaukom, Zuckerkrankheit, Depressionen und andere mentale Krankheiten häufig. Cannabis kann man bei der Behandlung von etwa 100 verschiedenen Krankheiten anwenden, das sagt die Wissenschaft. Wir glauben, dass es bei 600 verschiedenen Krankheiten wirksam sein kann, aber man muss die entsprechende Anwendungsmethode kennen: Manchmal muss man es oral zu sich nehmen, manchmal rektal oder in Form von Creme über die Haut. Das sind alles mögliche Anwendungsweisen.

M: Wie sieht die Behandlung aus?

JB: Zuerst präsentieren die Kranken ihre ärztliche Diagnose. Obwohl ich kein Arzt bin, muss ich wissen, womit ich konfrontiert bin. Dann sagen wir im Rahmen einer Konsultation, wie das Öl auf die einzelnen Organe und den Blutdruck wirkt und welche weiteren Wirkungen vom Genuss zu erwarten sind. Danach machen wir mit den Konsumarten und den übrigen Veränderungen der Lebensweise bekannt, beispielsweise mit einer Diät, die die Wirkung der Kur sicherstellt. Wegen der anfangs ungewohnten Wirkung empfehlen wir gewöhnlich, das Öl abends vor dem Schlafengehen zu nehmen.

M: Welche Reaktionen bekommt ihr von euren Patienten?

JB: Es ist uns gelungen, das Befinden vieler Patienten zu verbessern, darunter waren auch Patienten mit Geschwüren. Wir haben eine Gruppe, die ständig in Slowenien herumreist und über die therapeutische Anwendung von Cannabis informiert. Den Patienten, die kein Geld für das Öl haben, können wir automatisch blühende Samen beschaffen, durch die sie dann mit ein wenig Arbeitsaufwand innerhalb von zwei Monaten ihr eigenes Öl haben.

M: Erkennt das slowenische Gesetz Krankheiten an, bei denen Cannabisöl verwendet werden darf?

JB: Nein, nach dem slowenischen Gesetz gehört Cannabis in die Gruppe der gefährlichsten verbotenen Stoffe, zusammen mit dem Heroin, und es hat keine vom Gesetz anerkannte Heilwirkung. Prinzipiell darf es gar nicht benutzt werden. Wir müssen das Gesetz ändern und das Cannabis aus dieser Kategorie herausnehmen.

M: Habt ihr noch keine Probleme mit der Polizei gehabt?

JB: Vorläufig nicht, aber vielleicht habe ich nur Glück. Ich tue so, als ob es legal wäre, und drehe vor den Augen der Polizei einen Joint. Ich bin permanent krank, 24 Stunden am Tag, ich habe keine Wahl. Es kommt nicht vor, dass ich zwei Stunden lang nicht krank bin, und dann wieder. Ich bin zuckerkrank, und ich brauche mein Medikament. Die Polizei hat sich noch nicht über das Öl hergemacht, aber man liest jeden Tag in den Nachrichten von Beschlagnahmungen und eingeleiteten Verfahren. Das können wir nur ändern, wenn wir den Medien das Thema nahebringen und sie dafür sensibilisieren. Über sie gelangen nämlich die Informationen zu den Menschen.

M: Welche Pläne hast du für die Zukunft? Möchtest du noch weitere Klubs gründen?

JB: Ich glaube, nein. Am liebsten wäre es mir, wenn es für solche Klubs überhaupt keinen Grund gäbe, wenn das Gesetz es ermöglichen würde, dass die Leute für sich selbst anbauen, egal ob aus therapeutischen oder rekreativen Gründen. Das wäre alles.