Das Cannabisverbot ist irrational

Mathias Bröckers über Cannabis, die Legalisierung und sein neuestes Hanfbuch

Mathias Bröckers aus Berlin sollte allen, die sich ernsthaft mit Cannabis befassen, ein Begriff sein. Der heute 60-Jährige war Gründer bzw. Mitbegründer des Hanfhauses in Berlin und Autor des bahnbrechenden Werks „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“ (zusammen mit dem US-amerikanischen Urgestein der Legalisierungsbewegung Jack Herer). Darüber hinaus ist Bröckers seit Jahr und Tag Redakteur der taz sowie Bestsellerautor zu diversen Drogenthemen und Verschwörungstheorien. In unserem Gespräch stand der Schriftsteller zu seinem neuesten Hanfbuch Rede und Antwort.

Mathias BroeckersMedijuana: Dein neuestes Buch zur Cannabis-Thematik heißt „Keine Angst vor Hanf“. Nun haben ja Angehörige unserer Szene alles Mögliche, aber sicherlich keine Angst vor Cannabis. An wen wendet sich das Buch also?

Mathias Bröckers: An alle, die noch Angst vor Hanf haben. Wer sich mit Hanf auskennt und es vielleicht sogar schon einmal konsumiert hat, weiß Bescheid, dass man da keine Angst vor haben muss. Aber die Tatsache, dass wir jetzt seit etwa sechzig Jahren eine Prohibition, also ein Verbot von Hanf haben, hat viel damit zu tun, dass in weiten Kreisen der Bevölkerung immer noch Angst vorherrscht. Und in meinem Buch zeige ich auf, wo diese Furcht eigentlich herkommt. Der Hanf ist eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt und nachgewiesenermaßen seit mindestens 10.000 Jahren in Gebrauch – sowohl als Medizin als auch als Rohstoff und Genussmittel. Wie also kann man vor so einer gut und lange bekannten Pflanze Angst haben? Genau das habe ich mir angeschaut und komme im Buch zu dem Schluss, dass diese Unsicherheit auf die Propaganda des US-amerikanischen Anti-Drogen-Zars Harry J. Anslinger zurückgeht, der in den 1930er Jahren eine enorme Hetzkampagne gegen Cannabis etablierte.

MED: Wie hat Anslinger das eigentlich geschafft? Immerhin kann seine Hetze gegen den Hanf sicherlich als die erfolgreichste Propaganda bezeichnet werden, die je in der Welt stattfand.

MB: Mit Hilfe eines Kunstworts, nämlich des mexikanischen Terminus Marijuana. Damit erschuf Anslinger sozusagen eine komplett neue Droge, die dann nach Herzenslust dämonisiert werden konnte. Marijuana mache wahnsinnig, krank, irre, süchtig und gewalttätig – das alles schob Anslinger einer Pflanze zu, die in unserem Kulturkreis überall wuchs und gedieh und unter dem Namen Hanf jedem gut bekannt gewesen war. Mit dem „neuen“ Marijuana war es möglich, so zu tun, als sei hier von einer andersartigen Substanz die Rede, vor der die Menschheit gewarnt werden müsse.

MED: Diese Reefer Madness war allerdings nicht das einzige „Argument“ der Prohibitionisten – da folgte doch noch mehr an Unwahrheiten, die global Verbreitung fanden.

MB: Ja, genau – und schließlich wurde eine weitere Kampagne ins Rollen gebracht, nämlich die Mär von Cannabis als Einstiegsdroge. Der Welt wurde so lange erzählt und weisgemacht, dass Marihuanakonsumenten zwangsläufig als Herointote im Straßengraben landen, bis das Gerücht in jedem Winkel der Erde für bare Münze genommen wurde. Und teilweise hat sich diese dreiste Lüge bis heute halten können – sie wird auch in unserer ach so aufgeklärten Zeit immer wieder als Argument aus der verstaubten Schublade gekramt.

MED: Und taugt noch immer gut dazu, den Menschen Angst einzujagen.

MB: So ist es – und diese Angst entbehrt jeder Grundlage, weil die Politik, die gemacht wird, zutiefst irrational ist. Es geht ja gar nicht um Argumente. Es geht auch nicht darum, das Volk zu schützen. Denn wäre dem so, dann müssten die Bürger dieses Landes zuallererst vor den gravierenden Gefahren, die vom Alkohol und vom Tabak ausgehen, geschützt werden. Und ist das so? Nein – das Gegenteil ist der Fall. An den legalen Süchten der Menschen stoßen sich die Staatsgebilde nach wie vor reich. Genau das beleuchtet mein Buch, das insofern eigentlich eher eine kleine Streitschrift ist.

Keine Angst vor HanfMED: Stichwort irrationale Drogenpolitik: Kann eine Verbotspolitik überhaupt etwas zum Besseren wenden?

MB: 140.000 Strafverfahren allein im letzten Jahr nur wegen Cannabis sprechen da eine deutliche Sprache. Was ändern denn diese Repressalien? Ändern sie das Konsumverhalten? Die mit dem Rauchen einhergehenden Gesundheitsrisiken? Die Bedingungen für einen funktionierenden Jugendschutz oder gar die Einstellung der Hanffreunde? Nein, sie verändern überhaupt nichts, außer, dass sie unbescholtenen Menschen, die gerne mal einen Joint rauchen, durch Brandmarkung und Verfolgung das Leben zerstören.

MED: Inwiefern kann und sollte uns die Legalisierungswelle der USA Vorbild sein?

MB: Die USA sind das Mutterland der Prohibition, dort fing alles an. Und weil von dort ausgehend nun auch allmählich das Cannabisverbot gelockert und aufgelöst wird, glaube ich, dass sich das irgendwann auch auf den deutschsprachigen Raum auswirken wird. In den Köpfen der Leute tut sich ja schon einiges. Viele Menschen denken nach und nach um. Auch manche Politiker fordern mittlerweile eine Entkriminalisierung des Hanfs und die Installation von Coffeeshops in Deutschland. Das ist schon mal ein erster wichtiger Schritt. Ich denke, wir Deutschen werden insofern von den USA lernen, als dass wir spätestens im kommenden Jahr sehen werden, wie viele Einnahmen die Bundesstaaten aus der Legalisierung von Cannabis zu generieren imstande sind. Gepaart mit den enormen Einsparungen durch die fehlende Repression werden die Deutschen Augen machen, was für Summen da unterm Strich herauskommen. Außerdem können sich Polizei und Staatsanwaltschaft im Fall einer Legalisierung endlich darauf konzentrieren, echte Kriminelle zu jagen und unschädlich zu machen, und nicht mehr den kleinen Kiffer, der abends auf dem Sofa an der Tüte nuckelt und für niemanden eine Gefahr darstellt.

MED: Wie lange wird es nach deiner Einschätzung noch dauern, bis der Hanf auch bei uns wieder legal sein wird?

MB: Ich denke, so etwa fünf bis zehn Jahre. Wenn ich morgen Kanzler wäre, würde ich übermorgen legalisieren. Die Prohibition ist ja schon lange gescheitert. Und das werden auch die Politiker irgendwann realisieren müssen. Wieso sollten wir weiterhin an etwas festhalten, was allen letztlich nur schadet? Konsumenten und auch Patienten werden stigmatisiert und Polizei und Justiz werden mit der Arbeit, die sie direkt für die Mülltonne produzieren, auch nur lächerlich gemacht. Und das alles, um den Wirtschaftslobbys zu gefallen und um deren Taschen zu füllen. Solch ein Unsinn kann sich nur eine begrenzte Zeit halten. Und das Ende dieser Ära ist sicherlich nicht mehr weit.