CBD – Cannabidiol

Der Krampflöser der Natur

Letzten Sommer kursierte die Schlagzeile “Kiffen ohne Rausch” in den Medien und erregte viel Aufsehen. Von einer neuen, praktisch THC-freien, für Heilzwecke ausgezeichnet geeigneten Cannabissorte war die Rede. Da die Mehrheit der Hanfraucher – mangels ausreichender Informationen – Wert auf einen hohen THC-Gehalt legt, nehmen wir uns nachfolgend eine andere Komponente vor: die Vorzüge des Cannabidiols (CBD), das nicht ohne Grund schon seit dreißig Jahren die Wissenschaft beschäftigt.

 

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass die obige Nachricht das CBD im Allgemeinwissen verankert hätte. Vielen wurde aber klar, dass Marihuana nicht nur ein paar Stunden Entspannung bieten kann, sondern bei zahlreichen Krankheiten (Multiple Sklerose, Morbus Crohn, Epilepsie, Glaukom, Tourette-Syndrom) sowie zur Behandlung vieler medizinischer Erscheinungen (Schmerz, Appetitlosigkeit, Krämpfe und Entzündungen) Linderung bietet. Neu ist an der von den Medien aufgegriffenen Canna-bissorte, dass sie die wichtigsten Wirkstoffe in umgekehrtem Verhältnis enthält: 15 % CBD, bei einem THC-Gehalt von unter 1 %. Sie eignet sich also nicht zum Kiffen. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass die israelische Firma Tikuri Olam dieses Pulver erfunden hat, denn die Wissenschaft liefert schon seit Jahrzehnten Beweise für die wohltuende Wirkung des CBD, was schon mehrere Züchter veranlasst hat, Hanfsorten mit hohem CBD-Gehalt zu züchten. Wir haben schon darüber berichtet, wie das CBD die eventuell vom THC verursachten unangenehmen Erscheinungen ausgleicht (s. unseren Artikel Natürlich gemeinsam – CBD löst Psychosen nicht aus, sondern heilt sie. In: Medijuana 2013/1 – der Red.). Nun wollen wir das Thema etwas vertiefen und wissenschaftliche Analysen über die wichtigsten krampflösenden Wirkungen des CBD vorstellen.

Von Menschen und Mäusen

Das erste bahnbrechende Forschungsergebnis stammt aus dem Jahre 1982. Der brasilianische Professor Antonio Waldo Zuardi stellte klar, dass die regelmäßig beim Grasrauchen auftretenden Beklemmungen durch den hohen THC-Gehalt verursacht werden, was durch eine entsprechende Menge an CBD gelindert oder unterbunden wird. Bei seiner Untersuchung bekamen die TeilnehmerInnen 0,5 mg THC pro Kilogramm Körpergewicht und zusätzlich 1 mg/kg Cannabidiol. Die Ergebnisse belegen, dass das CBD wirksam die vom THC verursachten Krämpfe löst und dabei die euphorische, psychoaktive Wirkung vertieft. Die Natur hat also hervorragende Arbeit geleistet, als sie im Cannabis diese beiden Substanzen kombinierte. Dies vor Augen, ist es schwer zu verstehen, warum die Medizin ausgiebig mit der Anwendung von reinem THC experimentiert und sich immer wieder über die von ihm ausgelösten Beklemmungen wundert.

Ebenfalls brasilianische Forscher testeten 1990 und 1994 die krampflösende Wirkung des CBD an Mäusen – diesmal ganz ohne Beigabe von THC. Bei ihrem Experiment wurde das so genannte elevated plus maze (EMP) eingesetzt, welches nach der gegenwärtigen Auffassung der Wissenschaft eine der wirksamsten Methoden darstellt, Beklemmungen nachzuweisen. Das Experiment beruht darauf, die Mäuse in eine Zwangslage zu bringen. Man baut ihnen in 50 cm Höhe einen Sicherheit bietenden, aber reizarmen Unterschlupf, aus dem auf zwei Seiten je eine schmale Planke herausragt. Sich dort hinauszuwagen, bedeutet für die Mäuse Gefahr, aber sie haben keine andere Möglichkeit, ihre Neugier auszuleben und ihre Umgebung zu erkunden. Unter dem Einfluss von wirksamen Krampflösern trauen sich die Mäuse aus dem sicheren Raum auf die Planken, gehen aber kein zu großes Risiko ein. Die Forscher weisen darauf hin, dass eine angemessen dosierte Menge CBD genau diese Wirkung hat, nämlich bei Tieren Beklemmungen zu lösen. Dieselbe Forschergruppe führte 1993 auch Experimente an Menschen durch, welche sie 2011 mit einer strengeren Methodik wiederholten. Sie untersuchten, ob CBD im Kreise von Personen mit diagnostizierter sozialer Phobie die Beklemmungen verringert, die mit einer öffentlichen Rede vor großem Publikum einhergehen. Keine große Überraschung: Es verringert sie!

Löschen von Traumata

Das National Institute on Drug Abuse (NIDA), das die weltweite Drogenforschung zu gut 80 % finanziert, unterstützte in den vergangenen Jahren praktisch nur Forschungen zu den bedenklichen Wirkungen von illegalen Drogen und dem Entstehen von Abhängigkeit. Es ist nur wenige Jahre her, dass Humanexperimente mit illegalen Substanzen in Schwung kamen, mit der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) als vielversprechendem Forschungsfeld. Nachdem ein paar Jahre vergangen sind, kann man behaupten, dass der früher vorherrschende Wirkstoff der Ecstasy-Ta-bletten, das MDMA, beziehungsweise das in Zauberpilzen vorkommende Psilocybin in Zukunft wirksame Therapiemittel werden könnten. Das CBD hat sich auf diesem Sektor ebenfalls schon bewährt. 2008 zeigte eine Untersuchung mit konditionierter Angst bei Ratten PSTD auf, die sich beim Menschen durch das Erleiden von Gewalt oder anderen Traumata herausbildet. Da diese Anomalie viele aus dem Krieg heimgekehrte Soldaten betrifft, gäbe die US-Regierung viel für eine wirksame Therapie. Leicht möglich, dass neben dem MDMA das CBD die wirkungsvollste Therapie darstellt, denn die Gabe von Cannabidiol zeigte bei Ratten Erfolge im Auslöschen unheimlicher Erinnerungen, und dadurch eine Linderung beziehungsweise Beseitigung der PTSD.

Bezüglich des genauen Wirkmechanismus bestanden in der Vergangenheit ebenfalls Zweifel, den Großteil davon konnte schließlich eine Untersuchung im Jahre 2009 zerstreuen. Die im British Journal of Pharmacology publizierten Forschungsergebnisse zeigen, dass CBD die Funktion des im Hirn vorwiegenden Rezeptors, dem 5-HT1A-Rezeptor, positiv beeinflusst oder als Agonist wirkt. Das bedeutet – ohne zu tief auf die Neurobiologie einzugehen – dass CBD den Rezeptor aktiviert, was unter anderem mit einer Linderung von Depressionen und Krämpfen einhergeht. Die Autoren der Studie behaupten, CBD könne ein wirksames Mittel bei der Behandlung psychiatrischer Anomalien wie der Depression und der schon erwähnten Posttraumatischen Belastungsstörung sein.

Anstelle von Synthetischem

Auch bekannte wissenschaftliche Zeitschriften erkannten in den letzten Jahrzehnten die Chancen, die das CBD in sich birgt. Im Oktober 2010 veröffentlichte Nature, eins der populärsten britischen Wissenschaftsmagazine, einen Artikel über die Rolle des CBD beim Erinnerungsverlust in Verbindung mit Marihuanakonsum. Mit Berufung auf eine damals erschienene Londoner Studie schreibt das Fachblatt, dass bei der Untersuchung des Kurzzeitgedächtnisses nur die KonsumentInnen der Sorte Skunk schlechter abgeschnitten hatten, während bei den RaucherInnen von Blüten anderer Varianten oder von Haschisch die Erinnerung unverändert blieb. Die ForscherInnen bestätigten damit frühere Untersuchungsergebnisse mit synthetischen Substanzen, wonach hoher THC-Gehalt bei geringer CBD-Menge – was für Skunk charakteristisch ist – zeitweise das Kurzzeitgedächtnis verkürzt, was eine entsprechende Menge CBD jedoch verhindert. Da die Veredlerfirmen typischerweise das Bedürfnis der KonsumentInnen nach höherem THC-Gehalt zu befriedigen suchen und sich weniger damit beschäftigen, das Verhältnis von THC:CBD zu erhalten, empfehlen die ForscherInnen den KonsumentInnen, ihre Aufmerksamkeit auf Sorten mit höherem CBD-Gehalt zu lenken.

Es scheint, als würden die Aktivitäten der Firmen, die an der THC-Maximierung interessiert sind, das Gegengewicht zu Programmen mit medizinischem Cannabis bilden. Während die ForscherInnen immer mehr Beweise über die förderlichen physiologischen Wirkungen des CBD erbringen. Hanfveredler, die ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Medizin haben, begannen, Sorten mit hohem CBD-Gehalt zu züchten. Neben der oben schon erwähnten Firma Tikun Olam sollte man sich den Namen CBD Crew merken. Von ihrem ausgezeichneten Geschäftssinn zeugt die erste Skunk-Züchtung mit hohem CBD-Gehalt, CBD Skunk Haze. Ebenfalls erwähnenswert sind die Aktivitäten des kalifornischen Project CBD, auf dessen Webseite nicht nur von Forschungen in Verbindung mit CBD und therapeutischen Möglichkeiten die Rede ist, sondern die auch Beschreibungen von zahlreichen CBD-reichen Cannabissorten enthält.

Letzten November behauptete Dr. Tamás Freud, der namhafteste ungarische Forscher, der über Endocannabinoide arbeitet, in einem Vortrag im Festsaal der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, dass das Vorhandensein von Pflanzen mit Cannabinoidgehalt reinem Zufall zu verdanken ist, sie aber ganz sicher nicht entstanden sind, damit wir uns mit ihnen berauschen. Seiner Meinung nach wäre es besser, wenn wir unseren Cannabinoidpegel mit Produkten der Pharmaindustrie in Ordnung bringen würden, beispielsweise mit einem Medikament, das ein Extrakt aus der Wurzel der Echinacea enthält, an dessen Entwicklung er selbst beteiligt war. Auch wenn wir teilweise mit dem Herrn Professor übereinstimmen, wollen wir eine Kleinigkeit nicht außer Acht lassen, dass nämlich der Gebrauch von Cannabis zu Heilzwecken die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte begleitet hat, und auf der Basis neuester Forschungen als sicher gelten kann, dass die medizinischen Marihuanaprogramme immer bewusster dieses besondere Zufallsergebnis der Natur anwenden.