Cannabiskino

Durch Kamera verschwommen

Beinahe jeder von uns hat bereits einen Dokumentarfilm über Cannabis gesehen. Aber inwieweit können diese Filme neue Informationen bieten, und brauchen wir überhaupt immer wieder neue Dokus über Cannabis? Wie sind wir von den Verbotspropagandafilmen in kaum 100 Jahren zu den Dokumentationen, die die unzählige Vrwendbarkeit des Cannabis vorzeigen, gelangen?

 

Die ersten Filme die sich mit Marihuana beschäftigten sind in den 30iger Jahren, in der Zeit der Cannabishysterie entstanden. Doch die damaligen Kunstwerke sprachen nicht über Nutzpflanzen in der Papier- oder Textilindustrie, sondern über das Böse das sich angeblich in Form einer Pflanze verkörpert hat. Dieser Zeitgeist wurde im Jahr 1936 erschienen Reefer Madness – wer es noch nicht gesehen hat, sollte es dringendst nachholen! – authentisch dargestellt. Der Film wurde ursprünglich unter dem Titel „Tell your Children“ durch eine kirchliche Gruppierung finanziert um den Eltern das auf die Kinder schielende Böse, dass das Leben von tausenden Jugendliche ruinierende Marihuana vorzustellen. Wir konnten bei einem filmgeschichtlichen Ereignis Zeugen sein: die Produzenten legten mit ihrem Kunstwerk die visuellen Grundsteine der Dämonisierung und Abschreckung. Kurz nach Beginn der Filmvorführung wurde der Film neugeschnitten und nach Ausgabe des Gesetzes „Marijuana Tax Act“ im Jahr 1937 wurde er als ein solches Regierungspropagandamaterial einem breiterem Publikum vorgestellt. Obwohl er damals kein besonders Echo ausgelöst hatte, wurde er jedoch später in der nixonischen prohibitionischen Ära als unerschöpfliche Humorquelle wieder entdeckt. In den achtundsechzig Minuten des Stückes Reefer Madness gibt es alles was Auge und Mund reizt: unbegründeter Frohmut, Halluzination, bleibende Gehirnbeschädigung, Vergewaltigung, Mord, Schuld und Sünde. Das Kunstwerk hat sich bereits als Kultfilm im Kreis der amerikanischen Jugend verbreitet, woraus in den letzten Jahren nach Ausgabe der Farbversion auch noch Musical produziert wurde.

Im Fall des Films Refer Madness wird nicht einmal die Tatsache in Betracht bezogen, das man Cannabis nicht nur rauchen kann, sondern das man daraus auch Kleidung und Brennstoff herstellen kann. So beschäftigt sich der im Jahr 1942 erschiene Film Hemp for Victory mit der industriellen Verwendbarkeit des Hanfs und spornt damit die Bauern an diese Pflanze zu kultivieren. Was für eine plötzliche Kehrwendung! Vielleicht muss man ja gar nicht erwähnen, dass in diesem Zeitraum nicht allzu viele ähnliche Filme produziert wurden, nach dem zweiten Weltkrieg ist die Regierung wieder zur Hanf-verbots Ideologie zurückgekehrt.

 

Der Anspruch auf Authentizität

Obwohl die Nixon-Ära ihre Rohstoffe auch aus dem vernichtenden Gras gewonnen hatte, die Dokumentarfilme die den Cannabis aus der Perspektive der Wissenschaft und der alltäglichen Wirklichkeit vorstellen, ließen bis in die 90iger Jahren auf sich warten, von da an ist deren Fertigung jedoch explosionsartig angelaufen. Die systematische Übertreibung und Desinformation der Medien haben einerseits in großem Maß zur Geburt dieser Kunst Art beigesteuert, andererseits war es das Marihuana das in der Volksauffassung immer mehr, in den Alltag als sich organisch anpassendes Material angenommen wurde. Wenn nur ein einziger Film aus der Ernte des letzten Jahrzehnts herausgehoben werden sollte, dann ist es in jedem Fall der, den meisten Graskinokennern unter dem Titel Union – The Business Behind Getting High (Bund – das Geschäft hinter dem Einriss) geläufig ist. Dieser, im Jahr 2007 gedrehte Dokumentarfilm wäre vielleicht der, der mehr globale Übersicht über das Verhältnis des Marihuanas zum Menschen in dem letzten Jahrhundert als seine Mitbewerber bietet. Nach einer geschichtlichen Übersicht folgen, in dem sich auf die Situationen in den USA und Kanada konzentrierenden Film, Weisheiten namhafter Experten, Cannabis-Aktivisten und therapeutischen Marihuana-Patienten. Die Verfasser gehen auf die grund-legenden Fragen bezüglich Cannabis ein, so behandeln sie auch die physikalischen und Mentalen Erkrankungen, die mit dem Cannabiskonsum in Zusammenhang gebracht (oder eben nicht gebracht) werden können, da kommen noch die Möglichkeiten der Gestaltwerdung der Abhängigkeit, die Einstiegsdrogentheorie, das Verfaulenzen von Kiffern, der Hintergrund des ansteigenden THC-Gehalts – und jetzt bin ich gezwungen den Satz abzuschließen um etwas Luft zu bekommen, obwohl die Aufzählung noch lange nicht am Ende ist.

Also der Film beschäftigt sich weiterhin noch mit den Auswirkungen des Verbots, mit den Möglichkeiten der entsprechenden Regelungen, mit dem Ausbau der Knastindustrie der Vereinigten Staaten, welche auch die einfachen Marihuana Konsumenten mit breiten Armen empfängt, weiteres mit dem Kampf des medizinischen Marihuanas und der Arzneimittelindustrie sowie mit der Frage der Ablehnung des Rekreationsverbrauchs. Um noch einmal Luft zu holen.Wir bekommen Außerdem Einsicht in den Alltag eines kanadischen profitorientierten Growers, in die Atmosphäre des überseeischen Global Marijuana March dem Nichts entgegensteht, und am Ende können wir auch das noch erfahren, dass der titelgebende „Bund“ das System der organisierten Kriminalität aufgebaut auf Marihuana bedeutet, weiters der bedeutet noch die Beziehungen zwischen die Rollenträger und welcherweise der Profitertrag geschaffen wird.

Nach der professionellen und genüsslichen Vorführung all dieser Punkte wird unwillkürlich die Frage aufgeworfen, was ein zufälligerweise neuer, fünfzigminutiger, mit bescheidenem Kostenanschlag verfügenden Dokumentarfilm einer non-profit Organisation dazu beitragen könnte? Ansehnlich nicht allzu viel und doch! Der Schlüssel dürfte im Tatort liegen – der Film Blogtopus wurde im Land des alten Kontinents mit der widersprüchlichsten Graspolitik überhaupt, in England gedreht.

 

Gibt es noch abziehbare Haut?

Der im Februar diesen Jahres erschienene Dokumentation – When we grow… this is what we can do (Das können wir erreichen wenn wir anbauen – im weiteren: Growen) sagt überhaupt nicht viel Neues, und leiht zahlreiche Techniken von den Vorfahren aus. Im Vergleich zu anderen nutzt sie die zweifellos wirkungsvolle Methode der Gegenüberstellung des Menschen der Straße zur Wissenschaft, sie kopiert sogar geradeheraus die Methode des Films Union, wenn
es vorzeigt, dass Marihuana noch niemandes Tod verursacht hat. Unverschämte Herablangung? Mag sein, doch das ist nicht was man an Grow lieben sollte. Kurz überlegt, wenn es jemandem noch Wert ist, nach 20 Dokus immer noch mit einer neuen vorzutreten, dann sind es jene Engländer bei denen die juristi-schen und damit die alltägliche Beurteilung des Cannabis in den letzten 10 Jahren die meisten Veränderungen erlebten. Aufgrund des Titels des Films bei dem Seth Finegold Regie führte könnten wir davon ausgehen, dass dieser nur Anbaupraktiken behandelt, obwohl wir lange nicht mit einem Hobbygärtnerfilm a la John Cervantes zu tun hatten. Die Dokumentation wird von einen jungen Burschen moderiert, der meistens sein Notebook benutzt, womit er einen kindisch offenen, vorurteilsfreien Standpunkt verkörpert und uns gleichzeitig vertritt, die das Endergebnis aus einem videoteilendem Onlineportal anschauen. Also wir geraten näher zu den Verfasser, und die Meldung kommt auch näher an uns.

Der Film funktioniert auf diese Weise bereits in den ersten Minuten, wobei er nicht mit der gewöhnlichen Mantra „der Menschheit ebenzeitig“ und nicht mit dem geschichtlichen Überblick die Szenen anlaufen lässt, sondern durch unvorsichtiges googeln zeigt, dass wir sehr vielen verschieden Standpunkten bezüglich Cannabis gegenüberstehen. Eine Vernünftige Methode ist es, um die schnelle Auffassung zu gewinnen, dass diese Pflanze viel mehr bedeutet, als der in der Boulevardpresse gehärtete Geist darüber denkt. Schön langsam dann erscheinen dann auch die Experten, in Person von Peter Reynolds, Leiter des Legalise Cannabis Alliance und Prof. David Nutt , der entlassene Leiter des Drogenberatungsinstitutes der Regierung (ACMD), der Letztere als Leiter einer selbst gegründeten unabhängigen Körperschaft. Einer kurzen geschichtlichen Spritze können wir uns allerdings nicht entziehen, in dieser Szene kommen die Grundelemente der Gedankenwelt von Jack Herer – von vielen werden diese Gedanken als Verschwörungstheorien abgetan – also die der Cannabiskleider, des Cannabisbenzins, des Cannabisöls, des Cannabispapiers und der großen Frage, danach warum Papier aus Holz hergestellt werden muss, wo doch die Wälderabforstung die erstrangige Ursache des Klimawandels ist. Hinzu kommt noch, dass Cannabispapier nicht nur wirtschaftlicher sondern auch haltbarer ist. Freilich haben wir über diese Dinge bereits einiges gehört, jedoch über den, im Film länger behandelten, in der Bauwirtschaft erfolgreich verwendeten Baustoff Hanf um so weniger.

In Grow bekommen wir auch das Verpflichtungselement der Cannabisdokus, eine kleine Dosis Information über den Hintergrund der Verbotseinführung, über die materiellen Interessen die hinter der, als gesundheitliche Maßnahmen erklärten Schritte stecken, dann plötzlich befinden wir uns in der heutigen Großbritannien mit der Frage, ob man im Inselland die industrielle Nutzung des Cannabis anbauen könnte. Anschließend erscheint die eine Neuheit des Filmes Grow – wir können im europäischem Raum anschauen, inwiefern das Verhältniss des Staates zum Anbau des industriellen und des veredelten Cannabis aussieht. Vielleicht verrate ich damit kein Geheimnis: widersprüchlich.

Um die Charakteristik der britischen Situation abzuzeichnen, gewährt man uns Einsicht in das Hintertür-System der USA wo es von Staat zu Staat verschieden, also nicht gerade typisch ist. Dann kommt die Beschreibung des Systems in Holland mit den noch weniger typischen „coffeeshop“ -Ketten. Des letzteren folgt ein unverweiglicher Vergleich: wenn die Holländer jährlich 2,5 Milliarden Euro vom „Cannabusiness“ absahnen, und der Staat die aus diesem Geschäft ausgesteuerten 400 Million Euros für Prävention und Rehabilitation verwenden kann, was für einen Sinn hat es dann, ähnliche Summen für ein Verbot auszugeben und die vollen Einnahmen in die Hände der Mafia zu geben? Es ist die eine ewige Frage der Prohibition.

 

Cannabis Britannica

Um die britische Karriere des Marihuanas vorzuzeigen konnte man kein besseres Beispiel als der Fall von David Nutt finden, den man nach zehnjähriger Führung des ACMD deshalb entließ, weil er den Mut hatte auszusagen, dass der Gebrauch von Alkohol und Zigarette dem Menschen grössere Gefahr verursache als das Marihuana und Ecstasy. Nur um ein Bild über die Selbstsicherheit der britischen Drogenpolitik zu bekommen: während dieser 10 Jahren haben die „Experten“ der Regierung den Cannabis dreimal in verschiedene Gefahrengruppen eingestuft, um am Ende den Platz in der gefährlichsten Mittelgruppe vorzufinden.

Bis wir zu den Wirkungen des Cannabis kommen, sind wir bereits fast bei der Hälfte des Films. Die meisten Worte fallen über Schizophrenie und Psychosen, die die meisten Forscher beschäftigen und die auf Cannabiswirkung zurückzuführen seien. Diesbezüglich erzählt Nutt, dass Marihuana nicht die Entstehung der Krankheit, sondern nur die Verstärkung der gegebenen Symptome erreichen kann, und gleichzeitig die sonstigen Symptome des/der Schizoprenen gerade mit Cannabisverwendung am meisten gelindert werden können.

Das britische Drogenregelungschaos ist ebenfalls Nährboden für die Geschäfte die sich für Cannabisanbau spezialisiert haben und auch in Ländern, wo außer dem Business nur alleine der Besitz und Anbau illegal ist. Im witzigsten Teil des Films betritt unsere Hauptfigur einen englischen Growshop und fragt den Verkäufer für welchen Pflanzenanbau die im Shop befindlichen Geräte dienen, oder warum der dort erhaltbare, auch für Tomatenanbau empfohlene Dünger gerade das Markenzeichen „Canna“ trägt. Die unklaren Äusserungen des Verkäufers und das gegenseitiges Grinsen sagen mehr aus als nötig. Laut der englischen Regelung kann jeder ohne weiteres zu Hause ein mächtiges Anbauzelt errichten, und er kann auch die Samen seiner Lieblingssorte danebenstellen. Das Verstoss gegen das Gesetz beginnt erst, wenn der Samen in die Erde gerät. Das ist doch logisch, nicht wahr? Nach all dem nimmt wahrschenlich niemand die Schlussfolgerung des Films als kalte Dusche wahr: Marihuana soll nicht verboten, sondern geregelt werden, wenn es bereits Teil unser Alltags geworden ist.

Ich sprach nicht über die im Film erschiene Medikallinie, um etwas Motivation zum anschauen zu lassen, aber die Nachricht der Doku ist auch ohne dies klar. Der britische Fokus hat dennoch auch einen Nachteil: obwohl der Film in 2011 gedreht wurde, fällt kein Wort darin über den heftigen Drogenkrieg an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, und wir hören ebenfalls nichts über die Volksabstimmung in Kalifornien bezüglich Legalisierung. Diese Aufgabe wird allerdings nicht dem Film, sondern einem anderen Kunstwerk überlassen. Doch auch wenn die Ernte der Graskinos noch so mächtig ist, wir können sicher sein, dass die Legalisationsbestrebungen der letzten Jahre bald neue Filme ins Leben rufen.

Bob Arctor