Cannabisdosierung für medizinische Zwecke: Ansicht eines Experten

Einer der Vortragenden auf der kürzlich abgehaltenen Konferenz für medizinisches Cannabis in Brünn war der weltbekannte Experte für medizinisches Cannabis, der amerikanische Neurologe Dr. Ethan Russo. Seine Präsentation über neue Untersuchungen der Cannabisdosierungen bei verschiedenen Beschwerden, neue Klassifizierungspläne und die Synergie zwischen Cannabinoiden und Terpenen war unglaublich interessant – wir haben für euch die Höhepunkte des Vortrags zusammengestellt.

Ethan Russo war Präsident der International Cannabinoid Research Society und Vorstandsmitglied der International Association for Cannabinoid Medicines. Er ist Autor und Herausgeber von sieben Büchern über Cannabis und Heilkräuter und hat über 50 Artikel über Schmerzbehandlung, Neurologie, Cannabis und Ethnobotanik verfasst. Von 2015 bis 2017 war er medizinischer Leiter einer Biotechfirma, die innovative Denkanstöße zum menschlichen Endocannabinoidsystem untersucht und entwickelt. Von 2003 bis 2014 leitete er als Senior Medical Advisor und Study Physician der britischen Pharmafirma GW Pharmaceuticals mehrere klinische Tests von Sativex zur Schmerzlinderung bei Krebs und verfasste erste Studien zu Epidiolex bei schweren Formen der Epilepsie.

Cannabis und Wissenschaft

Gegenwärtig arbeitet Dr. Russo als Direktor für Forschung und Entwicklung am International Cannabis and Cannabinoids Institute in Prag. Daher gelang es den OrganisatorInnen der im vierten Jahr abgehaltenen Konferenz „Cannabis und Wissenschaft“, ihn zu einem Vortrag nach Brünn einzuladen. Unglücklicherweise konnte der viel beschäftigte Ethan nicht persönlich anwesend sein, aber es gelang, seine Präsentation per Skype zu übertragen. Sie war sehr inspirierend und brachte neue Informationen über Hunderte von aktiven Bestandteilen des Cannabis, über ihr Zusammenspiel und ihre Wirkung auf den menschlichen Körper ans Licht.

 

Untersuchungen an Terpenen

Eines der Hauptgebiete seiner gegenwärtigen Arbeit sind die Terpene und ihr Einfluss auf verschiedene Diagnosen in Kombination mit den Hauptcannabinoiden – in seinem Vortrag informierte Dr. Russo über die Hauptterpene im Cannabis, Alpha-Pinen, Beta-Myrcen, Beta-Caryophyllen, D-Limonen, D-Linalool, Terpinolen und viele andere. Er stellte heraus: „Bestimmte Cannabisterpenoide sind analgetisch und/oder antiphlogistisch, stimmungsverstärkend und verhindern THC-Effekte, indem sie Synergien mit den Phytocannabioniden herstellen.“ Des Weiteren stellte er die besten Kombinationen von Cannabinoiden und Terpenen vor, basierend auf der Untersuchung grundlegender Gesundheitsakten:

  • Depression: THC/CBD/CBG + Limonen
  • Angstzustände: CBD + Limonen/ Linalool
  • Beruhigung: THC/CBN + Myrcen
  • Agitation/Alzheimerkrankheit: THC/CBD + Limonen/Pinen/Linalool
  • Schlaf: THC/CBN + Caryophyllen/ Linalool/Myrcen
  • Sucht: CBD + Caryophyllen ± THC

Wie könnte der ideale Klassifizierungsplan aussehen?

Im Anschluss sprach Dr. Russo über die Notwendigkeit einer neuen Klassifizierung der Cannabissorten, da die Unterscheidung Indica/Sativa und aktuell THC/CBD für wissenschaftliche und medizinische Zwecke unzulänglich erscheine. Abgesehen von der Grundklasse, basierend auf den primären Cannabinoidgehalten (zum Beispiel Typ 1 für THC, Typ 2 für CBD) und der Pflanzenmorphologie (zum Beispiel breite Blätter, kompakt vs. groß, spindeldürr – wie wir Indica/Sativa unterscheiden), solle man den Fokus auf den spezifischen Cannabinoidgehalt der ganzen Pflanze richten sowie auf den spezifischen Gehalt an Terpenoiden. Gleichzeitig sei es wichtig – für den Patienten –, Informationen über Geruch und Geschmack (wenn inhaliert) zu geben.

 

Nötige Dosierung und Toleranz

Dr. Russos Forschung richtet sich weiterhin auf die optimale Dosierung von medizinischem Cannabis. Wie er ausführte, beruhe die korrekte Dosierung auf der „vorangegangenen Erfahrung des Patienten mit Cannabinoiden und einem gewissen endocannabinoiden Unterbau“. Das bedeutet, dass jeder Patient anders auf medizinisches Cannabis reagieren kann; dennoch gebe es bestimmte Muster bei den erwarteten Effekten, z. B. vertrage eine Person ohne Cannabiserfahrung gewöhnlich weniger THC als ein regelmäßiger Konsument.

Die meisten ÄrztInnen stimmten darin überein, dass das Ziel einer erfolgreichen Cannabisbehandlung darin bestehe, die beste therapeutische Wirkung mit einer minimalen Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen und des mentalen Status zu erreichen (etwa, sich „stoned” oder „high” fühlen). Obwohl eine Überdosierung von Cannabis keine fatale Wirkung haben könne, könnten sich manche nach dem Konsum von zu viel THC unwohl fühlen, die Behandlung abbrechen und nie wieder Cannabis zu sich nehmen. Es ist daher außerordentlich wichtig, folgende Regeln einzuhalten und die wichtigsten Informationen aus dem Vortrag von Dr. Russo im Gedächtnis zu behalten:

  • Beginne langsam und schreite langsam voran!
  • 2,5 mg THC gilt als Richtwert für die meisten PatientInnen.
  • 5 mg THC sind in der Regel wirksam und toleriert.
  • 10 mg THC rufen einen starken Effekt hervor (außer bei Personen mit Toleranz) und können für manche PatientInnen zu viel sein.
  • Dosierungen von mehr als 20 oder 30 mg pro Tag vor Eintritt von Toleranz bergen das Risiko von psychoaktiven und anderen nachteiligen Wirkungen.
  • Die Anwesenheit von CBD und bestimmten Terpenoiden in signifikanter Menge kann den therapeutischen Index verlängern.
  • PatientInnen sollten nie Psychoaktivität mit Wirksamkeit verwechseln.
  • Die korrekte Dosierung ist eher diejenige, die therapeutischen Nutzen ohne Begleiterscheinungen erzielt.

 

Cannabis als Mittel zur Bekämpfung der Opioidkrise

Abschließend erwähnte Dr. Russo, wie Cannabis zur Begleitung von Opioiden eingesetzt werden kann, besonders bei Medikamentenabhängigkeit. Dazu seien weitere Untersuchungen und eine vorsichtige Überwachung der PatientInnen nötig. Nach dem Erreichen der Schmerzfreiheit könne mit der Reduzierung der Opioide begonnen werden.

Abgesehen davon belegen neue Studien, hauptsächlich aus den USA, dass Cannabis nicht nur als Mittel zur Bekämpfung der Opioideinnahme dienen kann, sondern auch als First-Line-Medikation, um zu verhindern, dass PatientInnen beginnen, tödliche oder stark süchtig machende (noch legale) Opioide einzunehmen. Offizielle Statistiken belegen, dass in Staaten mit legalem Cannabis (sei es medizinisch oder zum Freizeitkonsum) 25 Prozent weniger Opioidüberdosen vorkommen als in der Illegalität.

 

 

Quellen:

– MacCallum, C.; Russo, E. B.: Practical considerations in cannabis dosing and administration, in: European Journal of Internal Medicine 2018

– Russo, E. B.: Current cannabis issues: The plant, its components, effects, dosage and administration, Vortrag auf der Konferenz „Cannabis und Wissenschaft” , Brünn 2018