Cannabis mit Mann und Maus

Gespräch mit dem Endocannabinoidforscher Dr. István Katona

Wir sprachen im Zusammenhang mit den neuen Studien des Forschungsinstituts für Experimentelle Medizin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften darüber, ob der regelmäßige Konsum von Cannabis mit THC-Injektionen an Mäusen modelliert werden kann. Dann gingen wir zum medizinischen Cannabis und zur idealen Drogenpolitik über.

Dem Neurobiologen Dr. István Katona und seinen Kollegen vom Forschungsinstitut für experimentelle Medizin gelang es erstmalig weltweit, mit einem hochauflösenden Mikroskop die Wirkungen des THC im Hirn abzubilden. Die große Bedeutung dieser Forschungsergebnisse bezeugt die Tatsache, dass die Studie von der hochrangigsten Fachzeitschrift auf diesem Gebiet Nature Neuroscience publiziert wurde. Für ihre Untersuchungen benutzten die Forscher erstmalig in Europa das Verfahren der Hochauflösungsmikroskopie zur Untersuchung der Eiweiße. Es ging um die Antwort auf die Frage, wie die Nervenenden von Mäusen beeinflusst werden, wenn sie sechs Tage lang hohe beziehungsweise ausgewogene („therapeutische“) Dosen von THC injiziert bekommen. Die Ergebnisse belegen, dass sich im ersten Fall die Zahl der CB1-Rezeptoren, welche die Endocannbinoidmoleküle empfangen und die Verbindung der Nervenzellen in der Synapsis sicherstellen, um 74%, im zweiten Fall um 16% reduzieren. Die vollkommene Wiederherstellung dauerte im Fall der rekreativen Dosis sechs Wochen. Die diesbezüglichen Sensationsberichte der Medien, die die Ergebnisse der Untersuchung offensichtlich missverstanden, weckten unser Interesse. Um die Ergebnisse der Studie wirklich zu verstehen, suchten wir den Forschungsleiter Dr. István Katona auf.

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Medijuana: Die Medien reduzieren die Ergebnisse der Untersuchung auf die Wirkung eines Joints und dramatisieren sie (z. B.: mit dem Titel „So schädlich ist ein Joint“), obwohl in dem Artikel in der Nature Neuroscience nicht davon die Rede ist, dass die Forschungsergebnisse das Grasrauchen beim Menschen abbilden. Wie wurde der Joint zum zentralen Element der Medienberichterstattung, wenn es in der Forschung weder um Cannabis noch um Joints oder Menschen ging?

István Katona: Es war interessant zu beobachten, wie selektiv und oftmals verzerrt manche Medienverteter einige Aspekte unserer Arbeit darstellten. Der Bericht der Akademie verfolgte nicht das Ziel, Hysterie zu schüren, aber prinzipiell freuten wir uns, dass die Nachricht grundsätzlich rüberkam, weil sich uns danach die Möglichkeit bot, in Interviews das Wesen unserer Forschung zu erläutern. Leider wurde das dann manchmal trotzdem missverstanden. Obwohl ich im Fernsehen gesagt habe, dass es nach unserer Untersuchung vorstellbar ist, dass der regelmäßige Konsum großer Mengen gewisse Gehirnfunktionen verstimmt, wurde in der Sendung doch verallgemeinert und das Interview erhielt die Bildunterschrift „Schädliche Wirkung von Joints bewiesen“.

MED: Die Reaktion der Medien ist ja schon verständlich, da die Pressemitteilung der Akademie den Titel „Der Joint verstimmt das Gehirn“ trägt und das „Rockfestival-Paradigma“ darin – Graskonsum in großer Menge innerhalb einer Woche – für viele dem Bild des rekreativen Konsums entspricht.

IK: Die aus dem Kontext gerissenen Sätze sind an sich missverständlich, aber es wäre wirklich exakter gewesen, von „andauerndem Cannabiskonsum mit dem Ziel der Rekreation in Abhängigkeit von der THC-Konsumenten die Rede ist, die vor dem intensiven Grasrauchen auf dem Festival überhaupt noch nie Cannabis zu sich genommen haben. In dem Ergebnis – wenn es überhaupt etwas mit dem menschlichen Konsum zu tun hat – liegt die Betonung auf der Dosis und dem anhaltenden Konsum. Ich halte es für wichtig, Folgendes zu betonen: Wenn den Rezeptor regelmäßig große Mengen THC erreichen, funktionieren die inneren Signalmoleküle nicht mehr und die Synapsen werden tatsächlich verstimmt.

MED: Was soll man darunter verstehen: „Das Gehirn verstimmt sich”?

IK: Ein starker Reiz bewirkt die Verringerung der Rezeptoren. Hier geht der Reiz vom eingenommenen THC aus und führt zu einer zeitweiligen Veränderung der Signalwege des Endocannabinoid-Systems. Aus den molekularen Effekten können wir vorläufig keine direkte Folgerung über die Veränderung der kognitiven Funktionen ableiten. Es ist aber sicher, dass ein „verstimmter“ innerer Signalweg nicht für die Kommunikation auf einfachster Ebene wichtig ist, sondern eine Art Feinabstimmung der Gesamtmenge an Signalen vornimmt. Aussagen wie: „macht das Gehirn kaputt“ sind daher auf jeden Fall übertrieben.

MED: Wie habt ihr den hohen und den ausgewogenen THC-Gehalt für die Mäuse festgelegt?

IK: Die THC-Dosis für die Mäuse haben wir anhand des bewährten Fachprotokolls bemessen, welches übrigens die 3- bis 4%ige THC-Konzentration der 90er Jahre für das Marihuana ausgebildet hat, daher lagen wir wohl noch zu niedrig. Obwohl man in der Realität niemals alle Variablen – das Maß des Einsaugens, das Abbauverhältnis des gerauchten THC, den Abbau der Leber, die zeitliche Verteilung des in den Blutkreislauf gelangten THC, individuelle Unterschiede usw. – beachtet, ist es die akzeptierte  Methodologie für die Modellbildung und die Untersuchung von Sucht. Für die Modellbildung für den therapeutischen Gebrauch haben wir ein Zehntel des THC-Werts zugrunde gelegt.

MED: Beeinflusst es die Untersuchung nicht, dass im Cannabis nicht nur THC, sondern ein Gemisch von weiteren fast 100 Cannabinoiden enthalten ist? Unter ihnen das CBD (Cannabidiol), das – wie mehrere Forschungen zeigen – solche unangenehmen mentalen Wirkungen des THC ausgleicht wie Beklemmungen und psychotische Symptome.

IK: In unserer Untersuchung erforschten wir den CB1-Rezeptor und die Wirkung, die durch das THC auf ihn ausgeht, nicht die Wirkung das Cannabis. Insofern spielt das CBD in unseren Untersuchungen keine Konsumenten die Rede ist, die vor dem intensiven Grasrauchen auf dem Festival überhaupt noch nie Cannabis zu sich genommen haben. In dem Ergebnis – wenn es überhaupt etwas mit dem menschlichen Konsum zu tun hat – liegt die Betonung auf der Dosis und dem anhaltenden Konsum. Ich halte es für wichtig, Folgendes zu betonen: Wenn den Rezeptor regelmäßig große Mengen THC erreichen, funktionieren die inneren Signalmoleküle nicht mehr und die Synapsen werden tatsächlich verstimmt.

MED: Was soll man darunter verstehen: „Das Gehirn verstimmt sich”?

IK: Ein starker Reiz bewirkt die Verringerung der Rezeptoren. Hier geht der Reiz vom eingenommenen THC aus und führt zu einer zeitweiligen Veränderung der Signalwege des Endocannabinoid-Systems. Aus den molekularen Effekten können wir vorläufig keine direkte Folgerung über die Veränderung der kognitiven Funktionen ableiten. Es ist aber sicher, dass ein „verstimmter“ innerer Signalweg nicht für die Kommunikation auf einfachster Ebene wichtig ist, sondern eine Art Feinabstimmung der Gesamtmenge an Signalen vornimmt. Aussagen wie: „macht das Gehirn kaputt“ sind daher auf jeden Fall übertrieben.

MED: Wie habt ihr den hohen und den ausgewogenen THC-Gehalt für die Mäuse festgelegt?

IK: Die THC-Dosis für die Mäuse haben wir anhand des bewährten Fachprotokolls bemessen, welches übrigens die 3- bis 4%ige THC-Konzentration der 90er Jahre für das Marihuana ausgebildet hat, daher lagen wir wohl noch zu niedrig. Obwohl man in der Realität niemals alle Variablen – das Maß des Einsaugens, das Abbauverhältnis des gerauchten THC, den Abbau der Leber, die zeitliche Verteilung des in den Blutkreislauf gelangten THC, individuelle Unterschiede usw. – beachtet, ist es die akzeptierte  Methodologie für die Modellbildung und die Untersuchung von Sucht. Für die Modellbildung für den therapeutischen Gebrauch haben wir ein Zehntel des THC-Werts zugrunde gelegt.

MED: Beeinflusst es die Untersuchung nicht, dass im Cannabis nicht nur THC, sondern ein Gemisch von weiteren fast 100 Cannabinoiden enthalten ist? Unter ihnen das CBD (Cannabidiol), das – wie mehrere Forschungen zeigen – solche unangenehmen mentalen Wirkungen des THC ausgleicht wie Beklemmungen und psychotische Symptome.

IK: In unserer Untersuchung erforschten wir den CB1-Rezeptor und die Wirkung, die durch das THC auf ihn ausgeht, nicht die Wirkung das Cannabis. Insofern spielt das CBD in unseren Untersuchungen keine direkte Rolle. Das Cannabidiol entwickelt seine Wirkung über einen anderen bis heute unerforschten Rezeptor und gleicht wahrscheinlich auf der Systemebene die unangenehmen Wirkungen des THC aus. Dennoch sind die vom THC hervorgerufenen Veränderungen an den CB1-Rezeptoren beim Cannabis gleichfalls zu beobachten. Wir führen gleichzeitig auch Untersuchungen zum CBD durch, denn wir halten es für einen vielversprechenden Bestandteil, beispielsweise wegen seiner beklemmungssenkenden Wirkung und seinem Effekt beim Eindämmen von Epilepsieanfällen.

MED: Nichts stellt die Bedeutung deiner Untersuchungen besser unter Beweis, als dass du für deine hervorragenden Forschungsergebnisse 2009 vom IACM (International Association for Cannabis as Medicine) ausgezeichnet wurdest, wozu wir auf diesem Weg gratulieren. Wie siehst du heute die Rolle des Cannabis in der Medizin?

IK: Ohne die einzelnen Krankheiten und Symptome im Detail erörtern zu wollen, prophezeie ich dem Cannabis und auch den Cannabinoiden eine gewichtige Rolle in der Medizin. Gleichzeitig würde ich davor warnen, die Pflanze als Wundermittel zu betrachten. Nach dem heutigen Stand unserer Erkenntnisse meine ich, dass es immer nur nach dem Ausprobieren der traditionellen Therapien Sinn macht, sich dem Cannabis zuzuwenden.

MED: Momentan hört man viel von Psychosen, die von Skunk-Sorten ausgelöst wurden, was mit ihrem hohen THC-Gehalt erklärt wird. Gleichzeitig ist das nach Meinung der Kritiker eher auf den niedrigen CBD-Gehalt zurückzuführen, weil damit das Gegengewicht zur THC-Wirkung fehlt. Wie siehst du das?

IK: Zum Teil stimme ich der Erklärung mit dem niedrigen CBD-Gehalt zu, doch würde ich die Betonung darauf legen, dass die Züchtungen mit immer höherem THC-Gehalt unabhängig vom Anteil des CBD ein höheres Risiko für die Konsumenten darstellen, in erster Linie für die Jugend. Das größte Risiko stellt der Cannabiskonsum vor dem 21. Lebensjahr dar, denn in diesem Alter entwickeln sich die für die höchsten kognitiven Funktionen zuständigen Frontalhirnlappen. Die Untersuchungen belegen einhellig: Wenn jemand vor der vollständigen Entwicklung, sagen wir im Alter von 14 Jahren, beginnt, Alkohol, Cannabis oder andere psychoaktive Mittel zu sich zu nehmen, dann ist das Risiko viel größer, dass er in einem späteren Lebensalter süchtig wird, als bei jemandem, der erst mit über 21 beginnt, diese Mittel zu konsumieren. Das ist gleichzeitig die Paradoxie der Prävention, denn in der Jugend – der Zeit, in der die eigenen Grenzen erfahren werden – sind die Jungen für solche Ratschläge am wenigsten empfänglich. Dennoch versuche ich bei den Vorträgen, die ich in dieser Altersklasse halte, die Botschaft der Prävention zu vermitteln.

MED: Was hältst du von einer Politik, die mit Strafandrohungen versucht, dem Konsum von Cannabis und anderen Drogen vorzubeugen?katona-helper

IK: Wenn es stimmt, was man über die Drogenkonsumgewohnheiten der Jugend liest, und dass sich jeder innerhalb einer Stunde Marihuana verschaffen kann, zudem ein Viertel der Jugendlichen es schon probiert hat – welchen Sinn hat es dann, die Konsumenten zu bestrafen? Vonseiten der Gesellschaft wäre es ethisch, wenn die gesamten Steuereinnahmen, die von Stoffen stammen, die Gemütsleiden auslösen (Nikotin, Alkohol usw.), auf die Prävention und die Therapie bereits entstandener Gemütsleiden zu verwenden.

MED: In Colorado geschieht etwas sehr Ähnliches, denn die ersten 40 Millionen Dollar, die aus dem legalen Handel mit Cannabis eingehen, werden nach dem Gesetz für die präventive Bildung ausgegeben.

IK: Das ist die richtige Richtung, meiner Meinung nach müsste man aber die gesamten Einnahmen dafür verwenden. Eine Legalisierung, bei der nicht auf die Risiken des regelmäßigen Konsums und des Gebrauchs von Rauschmitteln bei Geisteskrankheiten in der Familie hingewiesen wird, würde ich auf keinen Fall unterstützen.