Cannabis in der ungarischen Folklore

„So hoch soll dein Hanf wachsen“

Die ungarische Regierung erklärte kürzlich die Wiederbelebung des traditionellen Hanfanbaus zu einer vordringlichen Aufgabe – dies könnte zur Blüte eines entsprechenden Wirtschaftszweiges führen. Werden parallel dazu auch die mit dem Hanfanbau verbundenen Volkstraditionen in ihren ursprünglichen Formen wiederaufleben?

Obwohl ungarische HanfzüchterInnen zu den besten der Welt gehörten, wurde Hanf in den 1990er Jahren aus der ungarischen Landwirtschaft verdrängt. Die Urheimat der Hanfpflanze ist Mittelasien, nach Europa gelangte sie mit der Völkerwanderung. Die Ungarn kannten sie schon, bevor sie sich im Karpatenbecken ansiedelten. Sie bauten Hanf auf besonderen Nutzflächen an – wegen seiner ölhaltigen Samen und zur Herstellung von Fäden. Daran erinnern noch heute zahlreiche geografische Namen, beispielsweise Kenderes, Kendereskert und Kenderesföld (kender = Hanf). Aus Hanffasern wurden schon vor unserer Zeitrechnung Textilien und Seile hergestellt, die viel stärker und wasserbeständiger waren, als das heute vorherrschende Leinengewebe. Sein Samen diente nicht nur als Viehfutter, an vielen Orten in Mitteleuropa wurde auch Öl gepresst, aus dem man mancherorts Hanfbutter herstellte.

Die „Volksweisen“ benutzten Hanf zur Behandlung von Krebs, als Schmerzmittel und als Heilmittel gegen Hautallergien. Der „Volksweise“ Ferenc Nagy behandelte mit einem Aufguss aus Hanf, Stutenmolke und Weidenborke „ausgemergelte Lahme“ (vermutlich MS-Kranke). Heilkundige stellten aus Hanf auch Salben gegen allergische Ausschläge und andere „Übel“ her. Ungarische Schamanen setzten Hanf darüber hinaus gegen Appetitlosigkeit und bei magersüchtigen PatientInnen ein.

Nach dem Volksglauben muss der Hanfsamen am Faschingsdienstag für die Aussaat vorbereitet werden. An diesem Tag vollführte man hohe Sprünge, tanzte, kochte lange Nudeln in einer Suppe, besuchte viele Leute, streute Hanfstaub in Radspuren, damit der Hanf hoch wachse. Der beste Tag für die Aussaat ist laut Volksglaube der Freitag, und am aussichtsreichsten sei es, wenn sich am Himmel weder Sonne noch Mond zeigten. Man glaubt, dass nackt und schweigend aus einem neuen Tongefäß gesäter Hanf sehr hoch wird. Nach der Tradition bricht am 26. Juli, dem Tag der Heiligen Anna, der Stamm des Hanfs, er wächst dann nicht mehr weiter, sondern wird gelb und kann ausgerissen werden. Legt man grünen Hanf ins Bett, helfe dies gegen Flöhe. Hanfsamen wurden zum Beispiel auch gegen Verwünschungen eingesetzt. Menschen und Tiere, die von Würmern befallen waren, wurden mit Hanfsamen gefüttert. An Pfingsten ging die Pfingstkönigin von Haus zu Haus. Die großen Mädchen nahmen die Kleinste in ihre Mitte, verschleierten sie und erfreuten mit Gesang, Segenswünschen und Fruchtbarkeitssprüchen die HausbewohnerInnen. „So hoch soll dein Hanf wachsen“, riefen sie dreimal und hoben dabei die Pfingstkönigin in die Höhe.

Das Spinnen dauerte den ganzen Winter. Die Arbeit in den Spinnstuben wurde gemeinschaftlich verrichtet. Aus Hanf und Werg wurden Fäden gesponnen, aus denen man Kleider und Bettzeug herstellte. In den Spinnstuben gab es, wenn sich die Möglichkeit bot, Zigeunermusik, man spielte Zither oder Harmonika. Die Mädchen erwarteten die Burschen, die nur eintreten durften, wenn sie das auffordernde Lied hörten: „Komm rein, Liebster, komm rein.“ Am Ende der Spinnsaison buk die Hausherrin Hefeteig, jeder brachte Speisen und Getränke mit, und dann wurde gefeiert. Eine Vielzahl von Worten, die im Zusammenhang mit der Hanfverarbeitung stehen, sind überliefert. Zum Beispiel: tiló, die Breche, mit der die Fasern gebrochen wurden, oder héhej, die Hechel, mit der der Hanf gereinigt wurde.

Im Jahr 2017 startete man in Nord-Ungarn und Siebenbürgen ein Pilotprojekt, in dessen Rahmen Hanf angebaut und verarbeitet wird. Man beabsichtigt damit, nicht nur das volkstümliche Handwerk, sondern auch die Gemeinschaftsbildung zu fördern. Es entstand eine Datenbank mit 600 ungarischen und 500 siebenbürgischen VolkskünstlerInnen sowie 90 verschiedenen als Volkskunst eingestuften Handwerksprodukten aus Hanf – von Textilien über Lebensmittel bis zu Kosmetik. Produkte, die nun wieder auf den Märkten in Erscheinung treten können.