Blockierte Inhalte

Exzesse bei der Jagd auf Marihuanareklame im Internet

Gesetzliche Cannabisregelungen sind ein Thema, mit dem Facebook offenkundig nicht umgehen kann. Dieses Jahr trifft es Posts, die Cannabis anbieten und somit zum Konsum ermuntern, sowie Nachrichten, die gegen die festgelegten Richtlinien verstoßen. Das größte Problem ist, dass es in der Praxis absolut nicht gelingt, diese Regelungen konsequent durchzusetzen.

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Zunächst kann man Facebook keine blinde Cannabisgegnerschaft vorwerfen. Sean Parker, der Mitbegründer von Facebook, hatte die Legalisierungskampagne 2010 in Kalifornien mit 100.000 Dollar unterstützt. Nach dem Misserfolg der Kampagne in Kalifornien und dem Zustandekommen der Legalisierung zwei Jahre später in Washington und Colorado erschienen auf Facebook vermehrt Seiten im Zusammenhang mit den genehmigten Produkten, seien es Geschäfte, Konsumutensilien, kreative Start-ups oder konkrete Präparate. In der Folge verweigerten Google, Facebook und Twitter selbst legalen Produkten des Cannabisbusiness den Raum. Diese Entscheidung löste schon damals einen Sturm der Entrüstung aus: Wenn es bei Alkoholreklame möglich ist, dass nur Erwachsene sie sehen können, warum geht das nicht bei anderen legalen Produkten? Man könne sie nicht auf die entsprechenden Staaten beschränken, antwortete Facebook. Man würde Legalisierungskampagnen Raum geben, die Ermunterung zum Konsum allerdings verstoße gegen die Richtlinien. Twitter sah das genauso und betonte das Reklameverbot für Cannabis-Konsumutensilien, da die Bewerbung eine Aufforderung zum Konsum darstelle. Grundsätzlich erlaubt Google AdWords keine Reklame für illegale Drogen, Designerdrogen und andere psychoaktive Substanzen sowie Drogen auf Pflanzenbasis, Konsumutensilien und Mittel zur Verfälschung von Drogentests. Bei den Aktivitäten der Alkohollobby drückt Facebook jedoch die Augen zu.

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Inkonsequente Praxis

Im Februar dieses Jahres kam es bei Facebook zu einer neuen Welle der massenhaften Löschung von Reklame und Nutzerprofilen, die sich bei Instagram – das seit 2012 Facebook gehört – fortsetzte. Es gab damals zahllose Berichte darüber, dass die „Online-Razzia“ nicht nur Seiten des Ganjabusiness betroffen habe, sondern auch sehr viele Seiten für therapeutisches Marihuana gelöscht wurden, die keine Werbung geschaltet hatten, sondern ausschließlich Informationen enthielten. Heute zeigt sich, dass sämtliche Inhalte im Zusammenhang mit Marihuana blockiert werden können, und sei es nur eine Nachricht, welche die rassistischen Beweggründe im Zusammenhang mit den Inhaftierungen aufgrund von Cannabis beleuchtet, oder eine Rezension eines Buchs über Cannabis. Von den „Säuberungen“ sind kleine Firmen in weit größerem Maße betroffen als große; Anzeigen von Mainstream-Unternehmen und ähnliche Inhalte sind unverändert abrufbar. BuzzFeed berichtet von einem Fall, in dem ein Rechtsanwaltsbüro in Colorado einen Bericht ins Netz stellte, der sich mit Verhaftungen im Zusammenhang mit Cannabis beschäftigte (wohlgemerkt: nach der Legalisierung). Die Rechtsanwälte hatten herausgefunden, dass seit der Regulierung weniger weiße Jugendliche verhaftet wurd, es aber bei Latinos und Schwarzen einen steilen Anstieg gab. Die wahre Überraschung erlebten die Rechtsanwälte, als sie bezahlten Inhalt auf Facebook platzieren wollten. Sie wurden abgewiesen, weil der Text „Reklame für illegale Drogen“ mache.

Um in Colorado zu bleiben: Lauren Gibbs beschäftigt sich mit Cannabis-Marketingstrategien und kennt viele ähnliche Geschichten. Sie arbeitet mit den größten amerikanischen Cannabisfirmen zusammen und initiierte unter #EndTheSocialCannaBan eine Kampagne gegen die Blockade durch Facebook. Mit ihrer Hilfe soll nun versucht werden, die Geschäftsführung des sozialen Portals davon zu überzeugen, Cannabis wie andere Genussmittel, beispielsweise Alkohol, zu behandeln – etwa durch die Einführung einer Alters- oder geografischen Beschränkung, damit nur berechtigte Personen die Nachrichten abrufen können. Im Verlauf der langen Zusammenarbeit habe sich herausgestellt, so Gibbs, dass Facebook seine eigenen Richtlinien vollkommen inkonsequent anwendet. Es sei daher möglich, dass eine von zwei identischen Anzeigen akzeptiert, die andere jedoch blockiert wird. Das Blockieren von Nachrichten scheint in der Praxis der sozialen Medien aus dem Ruder gelaufen zu sein, daher versuchte Gibbs, mit einer bezahlten Anzeige über diese absurden Fälle zu berichten. Dies wurde jedoch von Facebook als „Reklame für illegale Drogen“ abgelehnt.

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Pardon, das haben wir eingesehen

Katharina Grimm startete letztes Jahr auf CNN ihre Dokuserie „High Profits“, in der sie den ZuschauerInnen das Leben von Cannabisindustriellen in Colorado näherbringt. Nachdem Grimm auf ihrer privaten Facebook-Seite Reklame für die Serie geschaltet hatte – die unter anderem eine aus Ganja zusammengesetzte amerikanische Flagge, den Titel und das Logo von CNN enthält–, begann Facebook auch Posts, die nicht im Zusammenhang mit Cannabis standen, zu blockieren. Auf ihre Anfrage antwortete Facebook, dass die Firma Cannabiswerbung nicht zulasse. Von da an konnte Grimm auch gegen Geldzahlungen keinen einzigen Post mehr durchdrücken, um mehr Menschen über ihre Serie zu informieren. CNN konnte jedoch seine bezahlten Posts dem breiten Publikum nahebringen, obwohl das gleiche Logo der Serie benutzt wurde. Als BuzzFeed Facebook auf diese Ungereimtheit aufmerksam machte, kam die Antwort, dass jede Woche Millionen von Anzeigen geprüft werden müssten und es daher unausweichlich sei, dass manchmal Fehler auftreten. Sie erkannten an, dass die betreffende Anzeige wirklich nicht gegen die Richtlinien verstößt, baten um Entschuldigung und lösten die Blockade auf.

 

Falsche Erklärungen

Aber auch bei Google muss man nicht lange suchen, um bei der Behandlung von AdWords-Anzeigen ähnliche Kuriositäten zu finden. Besonders schwer betroffen waren beispielsweise Produkte der Firma Medtainer, die unter dem gleichen Namen Qualitätscontainer für Medizinalcannabis vertreibt. Das Besondere dieses Artikels ist der eingebaute Grinder. Umsonst hatte die Firma letztes Jahr 30.000 Dollar für Google-Anzeigen gezahlt – der Gigant löschte die Benutzerprofile aufgrund der „Reklame für gefährliche Produkte und Dienstleistungen“. Erstaunlich bei dieser Geschichte ist – darauf weist auch der scharfsichtige Mitgründer von Medtainer hin –, dass andere Firmen, beispielsweise Sears, das Produkt problemlos auf ihrer Homepage anbieten können und die Google-Suchmaschine sie auch auswirft. Und es gibt nicht wenige Google-Anzeigen für Grinder. Der Sprecher von Google kommentierte dieses Dilemma in der Weise, dass sich ihre Richtlinien ausschließlich auf Reklame bezögen, nicht aber die Suche beeinflussten. Wenn jemand einen Grinder im Netz sucht, dann wird er ihn mit der Angabe von Firma und Preis als gewöhnliches, d.h. nicht kommerzielles Ergebnis der Suchmaschine finden. Wenn jedoch der Händler den Begriff Grinder mit dem Zusatz Cannabis versieht, dann verstößt das gegen die Richtlinien. Wenn man das Suchwort „Cannabis Grinder“ eingibt, dann interpretiert Google das so, dass eine Mühle für Heilkräuter gesucht wird, und wirft die entsprechenden Ergebnisse aus. Ein knallhartes Argument, mit dem man sich darüber hinwegsetzt, dass Menschen Cannabis als Medikament benutzen. Und dass Cannabis gegebenenfalls gemahlen werden muss.

Noch niederträchtiger ist es, zur Verteidigung der eigenen Richtlinien BenutzerInnen mit falschen Informationen absichtlich in die Irre zu führen. Und während auf den Seiten von Medtainer die Produkte beschrieben und mit Videos veranschaulicht wird, für wen sie gedacht sind und wie man sie anwenden muss, stellen die Großhändler sie einfach auf ihre Seite und waschen ihre Hände in Unschuld. Diese Praxis scheint auch deswegen ungereimt, weil jemand, der bei Google eine Designerdroge sucht, die sehr viel gefährlicher ist als Marihuana, Angebote mit Preisangabe von Personen bekommt, die ihren Handel auch auf Instagram und Facebook betreiben. Es sieht so aus, als würden die sozialen Medien, die mit unser aller Leben verflochten sind, mit ihren Richtlinien am Ziel vorbeischießen und nicht in der Lage sein, mit den Herausforderungen unserer Zeit Schritt zu halten.