Bewusstsein und Therapie in Italien

Wer weiß, dass er ein Recht hat, in den Genuss der Früchte des wissenschaftlichen Fortschritts zu kommen, hebe bitte die Hand! Dieses wenig bekannte Recht bietet uns die Möglichkeit, auf staatlicher und sogar internationaler Ebene die Nutzung von therapeutischem Cannabis zu fordern.

Diese und andere wenig bekannte Tatsachen kamen auf der von der italienischen Vereinigung Luca Coscioni in Turin veranstalteten Konferenz „Right to Science and Freedom of Research on Narcotic and Psychotropic Substances“ zutage. Hier konnte man sich anhand von 20 Vorträgen über die verschiedenen Pflanzen und ihre therapeutische Anwendung – bzw. wie sie verhindert wird – informieren. Schon im Jahre 1948 garantierte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, dass jede Person das Recht hat, „am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben“. 1976 trat der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte in Kraft, der gleichermaßen das Recht der Menschen zur „Teilnahme am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften“ anerkennt.

Auf der einen Seite versucht die Pharma-lobby mit allen Mitteln, uns die „Wohltaten“ neuer Chemikalien einzureden, auf der anderen Seite wird ein Teil der Heilpflanzen in die Illegalität abgedrängt, obwohl ihre Wirksamkeit anerkannt ist. Zur Eröffnung der Konferenz sagte Filomena Gallo im Namen der Vereinigung Luca Coscioni, dass das Ereignis über eine eintägige Zusammenkunft hinausdeute, denn man würde der italienischen Regierung Vorschläge unterbreiten – unter anderem bezüglich des Cannabis. Das ist von Bedeutung, weil die in Italien schon initiierten Cannabistherapieprogramme an mehreren Punkten veränderungsbedürftig sind. Darüber berichteten die Forscherin Simona Pichini, eine der Verantwortlichen für das Medizinalcannabisprogramm in Florenz, und Paola Brusa, Professorin für Pharmatechnologie an der Universität Turin und Leiterin des Medizinalcannabisprogramms.

In Italien besteht die Möglichkeit der ärztlichen Verschreibung von Cannabis gesetzlich seit 2007, wurde aber erst 2015 in die Praxis umgesetzt. Anhand wissenschaftlicher Untersuchungen erstellte man eine Liste von Symp-tomen und Krankheiten, bei denen Cannabis verschrieben werden kann, und die einzelnen Regionen entscheiden über die Freigabe zum medizinischen Gebrauch. Die Liste wurde in Zusammenarbeit mit Fachleuten des Gesundheitsministeriums erstellt und wird fortlaufend vom Staat ergänzt. Cannabis kann besonders dann eingesetzt werden, wenn traditionelle Therapien nicht anschlagen. Italienische ÄrztInnen haben auch die Möglichkeit, regionale Cannabissorten zu verschreiben; das niederländische Büro für Medizinal-Cannabis (OMC) vertreibt in erster Linie Bedocran. Brusa hält das für problematisch, weil Bedrocan eine Sativasorte mit hohem THC- und CBD-Gehalt ist, was bei anfälligen PatientInnen Beklemmungen und Panikanfälle auslösen kann. In Italien werden seit 2015 eigene Sorten unter dem Namen FM-2 gezüchtet. Sie enthalten insgesamt 5,8 Prozent THC und THC-Säure sowie 8,1 Prozent CBD und CBD-Säure. Der hohe CBD-Gehalt garantiert eine breite medizinische Anwendbarkeit und gleicht die THC-bedingten unangenehmen Symptome aus.

Ein ähnliches Verhältnis von THC zu CBD findet sich im Sativex-Spray, das zur Behandlung von Multipler Sklerose entwickelt wurde, sowie in den neuen CBD-reichen Sorten. Außerdem verfügt FM-2 über einen standardisierten Cannabinoidspiegel von CBN, CBG und CBC, wodurch PatientInnen mit einer gleichbleibenden Wirkung rechnen können. Bei bestimmten Symptomen jedoch – zur Linderung von Brechreiz oder zur Appetitanregung – bewährt sich gewöhnlich ein höherer THC-Gehalt, daher werden im Moment Sorten veredelt, die das Bedrocan-Cannbinoidprofil nachgestalten. Ein Gramm der Blüte kostet gegenwärtig 9 Euro, ähnlich wie auf dem Schwarzmarkt.

In Italien ist ein Teeaufguss aus Cannabis verbreitet, die Ärzte bevorzugen jedoch Öle. Es wurde festgestellt, dass Wirkstoffe in Olivenöl bis zu einem Jahr halten und tropfenweise dosierbar sind.

Vordringliche Aufgabe ist es, medizinisches Cannabis in ganz Italien erhältlich zu machen und ÄrztInnen dazu zu motivieren, es häufiger bei angezeigten Fällen zu verschreiben. Erforderlich ist die Kooperation des Staates – man hofft, mit den auf der Konferenz erarbeiteten Petitionen einen ersten Schritt in diese Richtung zu tun.