Bekifft zwischen den Sternen

Veränderte Bewusstseinszustände im Weltraum

Viele von euch wissen aus Erfahrung, dass ein guter Space Cake uns leicht ins Universum befördern kann – was der Name ja auch andeutet. Aber was passiert, wenn wir im Universum, beispielsweise auf einer Marsexpedition, wirklich ein wenig von unserem Lieblings-Indica rauchen? Eine namhafte Forschergruppe arbeitet daran, so schnell wie möglich die Antwort auf diese Frage zu finden.

Science-Fiction-Fans sind vielleicht schon mit dem Problem der ersten Eroberer ferner Galaxien konfrontiert worden: Was sollen sie in der reizarmen Umgebung anfangen, wie umgehen mit der Langeweile, die sie belastet? Vergnügungsmöglichkeiten und Kulturveranstaltungen fallen flach, und bei der schwachen Gravitation und dem Sauerstoffmangel lässt sich die Zeit auch nicht mit Sport totschlagen. Eine Eckkneipe, in der man sich die Zeit vertreiben könnte, gibt es auch nicht. Ständige Dunkelheit und Einsamkeit umgeben den Menschen, solange er keine neue Zivilisation aufbaut.

Philip K. Dicks Antwort auf die Tristesse im All hat er in seinem Buch „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ dargelegt: Sie besteht im Konsum der Droge Can-D, die von den ersten MarsbewohnerInnen konsumiert wird. Die Wirkung ist bizarr: Die KonsumentInnen stecken stundenlang in den Körpern zweier Akteure einer simulierten idyllischen Welt. Dabei vergessen sie ihre Einsamkeit. Später taucht noch ein anderes Mittel auf, nach dessen Konsum nicht mehr klar ist, was Wirklichkeit und was Halluzination ist. Doch bleiben wir beim Vertreiben der Langeweile und wenden uns der Therapie medizinischer Symptome zu – dann gelangen wir von Can-D zum guten alten Marihuana.

Ivan Soltesz

Joint im Raumschiff

Ob man es glaubt oder nicht, die Wissenschaft hat begonnen, sich mit dem Konsum von Cannabis im All zu beschäftigen, noch bevor Interplanetarreisen für den gewöhnlichen Sterblichen erschwinglich geworden sind. Warum, erklärt der Forschungsleiter der Stanford University, Dr. Iván Soltész: „Jetzt lachen wir noch darüber, aber auf dem langen Weg zum Mars ist der Konsum von Cannabis zum Freizeitvergnügen oder aus medizinischen Gründen eine strittige Frage, daher bin ich der Meinung, dass die Angelegenheit hohe Wichtigkeit hat.“ Soltész’ Gedankengang leuchtet ein, wenn wir bedenken, dass sich schon auf einem zweistündigen Flug die Stewardessen bemühen, uns mit Alkohol vollzupumpen. Warum sollte sich auf einer Reise von mehreren Monaten oder Jahren nicht die Frage nach dem Cannabiskonsum stellen, besonders wenn MarihuanatherapiepatientInnen an Bord sind? Es ist natürlich eine spezielle Frage, welchen Gesetzen die Reisenden im Weltraum unterliegen. Erwachsene Reisende, in deren Heimat die Legalisierung eingeführt worden ist – und das werden, bis das Reisen im Weltraum ein Massenphänomen geworden ist, die meisten Länder der Welt sein –, werden wohl kaum in der Thermosphäre Cannabis oder mit dessen Wirkstoffen hergestellte Präparate konsumieren können. Die rechtlichen Konsequenzen sind natürlich weniger spannend als die technische Seite. Die Hauptfrage ist, ob sich die psychoaktiven Wirkungen verändern, wenn man die Erde verlassen hat. Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir ein bisschen weiter ausholen und zuerst klären, wie das Gehirn auf eine Weltraumreise reagiert.

Verdummende Strahlung

In den letzten Jahren brachten wissenschaftliche Forschungen zutage, dass die Strahlung im Weltraum die Reizempfindlichkeit des Gehirns beeinflusst und zahlreiche medizinische Risiken in sich birgt. Im Strahlungsfeld befinden sich Hochenergieprotonen und vollkommen ionisierte Atomkerne, die von der kosmischen Strahlung der Sonne stammen. (Na gut, lassen wir die technischen Details lieber, von denen wir ohnehin nichts verstehen.) Forschungen an Nagetieren bestätigten, dass diese Strahlungen auf die Dauer die corticalen und hippokampalen Regionen des Hirns schädigen, die für Lernen und Gedächtnis zuständig sind. Oder einfacher gesagt: Wen das Leben in den Weltraum verschlägt, dessen kognitive Fähigkeiten – Lernfähigkeit und Gedächtnis – können dauerhaften Schaden nehmen. Das ist eine alarmierende Nachricht für die NASA, denn die RaumfahrerInnen müssen oft komplizierte Operationen vollführen, die kognitive Fähigkeiten auf einem hohen Niveau erfordern. Natürlich ist die Tatsache allein schon problematisch, dass ein Raumfahrer oder Raumtourist im Verlaufe einer Expedition irgendwelche bleibenden Schäden erleiden könnte. Dieses Problem führte zu einer genaueren Dokumentation der Strahlenwirkung.

Veränderte Bewusstseinszustände

Um die Bedenken hinsichtlich der Raumfahrt zu zerstreuen, haben die ForscherInnen umfassende Untersuchungen angestellt, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Wir können stolz sein, dass – wie so oft im wissenschaftlichen Kontext von Cannabis – auch in diesem Fall unsere Landsleute Pionierarbeit leisten. Ende 2016 wurde eine Untersuchung publiziert, bei der unter der Leitung von Iván Soltész ungarische, amerikanische und chinesische ForscherInnen beobachteten, dass die im Weltraum erfahrene Strahlung die innere Kommunikationsstruktur des Gehirns beeinflusst, und damit das Endocannabinoidsystem, auf das auch die Wirkstoffe des Cannabis ihre Wirkung entfalten. Bei Mäusen wurde festgestellt, dass die Strahlung sich auf die CB-1-Rezeptoren auswirkt, die unter anderem beim Schutz der Hirnzellen gegen Entzündungen eine Rolle spielen, aber auch die Prophylaxe des Gedächtnisverlustes und die effektive Anwendung der Lernfähigkeit unterstützen. Es ergaben sich neue Hinweise zur Beeinflussung der kognitiven Fähigkeiten und des Endocannabinoidsystems.

Nun stellt sich die Frage, ob dies auch auf den Menschen übertragbar ist und ob Cannabis diese Situation beeinflussen kann. Die ForscherInnen erwarten sich von der Analyse die Entdeckung von Methoden, welche die von der kosmischen Strahlung verursachten Veränderungen ausgleichen und damit den Verfall des Gedächtnisses und der Lernfähigkeit verhindern können. Das Projekt weist weit über den Cannabisgebrauch hinaus, denn das Endocannabinoidsystem spielt eine lebenswichtige Rolle bei zahlreichen physiologischen Prozessen sowie bei der Gesunderhaltung. Man sieht also, dass die ForscherInnen, die die Möglichkeit des Kiffens im Weltraum erforschen, mit der Zeit erfolgreiche Methoden zur Bewahrung der kognitiven Fähigkeiten und verschiedener anderer physiologischer Funktionen entwickeln werden, was nicht nur KonsumentInnen von therapeutischem Cannabis oder FreizeitkifferInnen zugutekommen wird, sondern einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Gesunderhaltung der Weltraumreisenden darstellen würde. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen sind wir nicht der Meinung, dass Hanf den Planeten retten wird, dass er aber eine wichtige Rolle bei der Gesunderhaltung der Weltraumreisenden spielt – und natürlich auch bei der Steigerung der Stimmung.