Ausverkaufter Reggae-Kult

Der Tag rückt näher, an dem wir Jamaika so sehen können, wie Peter Tosh und Bob Marley es in ihren unvergänglichen Songs gezeigt haben – immerhin ist der Konsum von Cannabis aus medizinischen und Gewissensgründen schon legalisiert. Trotzdem ist die Freude der Bevölkerung nicht ungetrübt. Viele sind der Meinung, dass das im Aufbau befindliche Regulierungssystem nicht zugunsten der gegenwärtigen kleinen Züchter ausschlagen wird. Angefeuert von den Erfolgen der US-amerikanischen Legalisierungsstaaten verkündete der Bürgermeister der Hauptstadt Kingston, dass die Zeit gekommen sei, in der die JamaikanerInnen von der Marihuanaindustrie profitierten. Letztes Jahr verkündete der Vertreter Jamaikas auf der UN-Drogensitzung über die traditionelle und kulturelle Einbettung des Ganjas, dass man 2015 mit Vorbereitungen für die Anwendung und Herstellung von therapeutischem Cannabis begonnen habe. Der karibische Staat beabsichtigt mit der Regulierung von medizinischem Cannabis unter anderem, jährlich insgesamt 20 Milliarden Dollar mit der „Brand Jamaica“ und der mit ihr verbundenen Kultur einzunehmen. Das „grüne Gold“, wie PolitikerInnen es nennen, sei zu wertvoll, um brachzuliegen.

Problematisch ist nur, dass die Einkünfte nur die Taschen weniger Auserwählter füllen werden. Jamaika beheimatet mehr als 180.000 registrierte LandarbeiterInnen, die traditionell Tomaten, Tabak und Bananen anbauen, ein Großteil von ihnen jedoch auch Marihuana. Nachdem 2015 das System des therapeutischen Cannabis in Kraft trat, wurden allerdings nur 25 Anträge auf Anbauerlaubnis gestellt. Viele Landwirte befürchten, dass das neue System eine neue Form der Ausbeutung bedeutet und die Unternehmer und das staatliche Exportunternehmen den Profit abschöpfen werden. Nach der Neuregulierung müssen KleinanbauerInnen für ein Cannabisfeld von einem Hektar jährlich 300 USD zahlen, dazu kommen 200 USD jährliche Nutzungsgebühren und eine Versicherung von 1.000 USD. Große Infrastrukturmaßnahmen werden in ihrer Landwirtschaft nötig, beispielsweise der Bau von Sicherheitszäunen, der für einen Hektar etwa 10.000 USD kostet. „Wir sind der Meinung, dass alles nur Futter für die großen Fische ist, und das erzeugt große Probleme in Jamaika“, sagte Basil Hylton, Präsident der Genossenschaft der Ganjaanbauer von Kingston und St. Andrew. Mit der Anwendung des US-amerikanischen Modells würden die „wahren Ganjaanbauer“ ausgeschlossen. Die etwa 2.000 AnbauerInnen in Hyltons Vereinigung haben keine Genehmigungen beantragt. „Um hier mithalten zu können, müssten sie über Land und Kapital verfügen, und diese Kosten können sie nicht aufbringen“, fügte Hylon hinzu. Er hofft, dass die Regierung ein Einsehen bei diesem Problem haben wird. Kleine Plantagenbetreiber würden wahrscheinlich an diesem System teilnehmen, wenn sich die Kosten für die Genehmigungen und die Bürokratie verringerten. „Wir haben eine Gruppe gegründet, um uns registrieren zu lassen und um eine Genehmigung zu erlangen, denn im Grunde will ja niemand die Gesetze brechen“, sagte ein weiterer kleiner Züchter. „Ich habe ausgerechnet, was es einen kleinen Landwirt wie mich kosten würde, die verschiedenen Gebühren und die Sicherheit rund um die Uhr zu bezahlen. Es würde mehr als 1.000.000 jamaikanische Dollar kosten (etwa 7.000 Euro), was hier sehr viel Geld ist. Die Regierung betreibt aber kein Marketing für uns, daher ist es fraglich, wo wir die Produkte beschaffen und dann werden verkaufen können. Wenn wir sie nicht im Ausland verkaufen können – bleiben wir darauf sitzen?“ Die Gefahr droht, dass Finanziers ins Geschäft einsteigen werden, die keine Ahnung vom Hanfanbau haben. „Vielleicht haben sie eine pharmazeutische Firma in Nordamerika und lassen die Farmer für einen Hungerlohn Grundstoff anbauen“, schildert der Züchter seine Sorgen weiter.

Der Vertreter Jamaikas sagte letztes Jahr auf der UN-Drogensitzung, dass die Legalisierung nicht in allen Ländern gleich gestaltet werden könne. Es wäre an der Zeit zu erkennen, dass die kalifornische Regelung für therapeutisches Marihuana nicht mit Copy-and-paste auf die karibischen Länder übertragbar sei, ohne die örtlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Es wäre ein schwerer Fehler, die kleinen Plantagenbesitzer, die über jahrzehntelange Erfahrung verfügen, auszubooten.