Auch Jamaika legalisiert

Die Drogengesetze des karibischen Landes, das wir uns wegen der pulsierenden Reggaemusik als Grasparadies vorstellen, unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der übrigen Staaten in der Region. Die Touristen gehen trotzdem unentwegt auf illegale Ganjatouren, weswegen sich schließlich auch die Bürgermeisterin von Kingston mit der Legalisierung beschäftigte.

Cannabis gelangte um 1800 infolge der Sklavenhaltung auf die Karibikinsel. Den ostindischen Plantagenarbeitern auf Jamaica ist dies zu verdanken, denn sie brachten neben ihrem Wissen auch ein paar Segmente ihrer Kultur mit. Das erklärt, warum sich in Jamaica das Hindi-Wort “Ganja” für Cannabis verbreitete. Schnell wurde klar, dass Klima und Umwelt auf Jamaika vorzüglich für die Zucht von hochwertigem Cannabis geeignet sind. Die Ausgeglichenheit der Inder und das Geheimnis ihrer Gelassenheit interessierte bald auch die Einheimischen. Entgegen einem weitverbreiteten Mythos tauchte der Konsum von Marihuana bei den Einheimischen in Form von mit Tee oder Tabak gemischten Zigaretten lange vor dem Rastafari-Glauben auf. Eine Art Explosion des Ganja in Jamaika brachten die 70er Jahre, Bob Marley und der Reggae. Jeder brachte in seinen Liedern den unstillbaren Wunsch zum Ausdruck, dass der Anbau von Gras legal und gesetzlich geregelt sein solle. Der Geist des Rastafari, der das Marihuana als heilige Pflanze behandelt, die den Glauben vertieft und das Bewusstsein und den Frieden hervorbringt, begann, sich weltweit zu verbreiten. Obwohl die Zeit für die sehnsüchtig erwartete Legalisierung damals noch nicht gekommen war, wurde Bob Marley der erste weltweit bekannte Bühnenkünstler der Dritten Welt, dessen Botschaft Millionen Menschen weitergaben und bis zum heutigen Tag verbreiten. 2001 entstand zwar eine Gesetzesvorlage, die Erwachsenen den Besitz von Gras gestatten sollte; der Plan erlangte jedoch keine Gesetzeskraft und das Projekt verschwand schließlich in der Versenkung.

Auch Jamaika Legalisiert

GanjaTours

Die dauerhafte Anwendung des Zauberspruches “Legalize it!” als Mantra tat schließlich seine Wirkung: Marihuana hielt ebenso Eingang in die jamaikanische Kultur wie zuvor der Rum, und entgegen dem Verbot verlieh das Gespann aus Reggae und Ganja dem Land eine einzigartige Anziehungskraft auf Touristen, was die praktisch veranlagten Einheimischen auch ausnutzen. Zahlreiche Reisebüros verlocken die Besucher von Jamaika zu einzigartigen Grastouren nach Negril oder Nine Mile, den Geburtsort von Bob Marley, wo dann Kostproben der Lieblingssorten des King of Reggae angeboten werden, Sinsemilla oder Purple Skunk. Das ist alles vollkommen illegal, aber das Geschäft steht an erster Stelle. Außerdem ist es für einen Touristen noch immer sicherer, mit leeren Händen an einer solchen Tour teilzunehmen und mit einem unvergesslichen Erlebnis abzureisen, als mit ein paar Gramm in der Tasche auf einen als Dealer verkleideten Polizisten zu treffen, denn die gehen mit Vorliebe auf Jagd nach naiven Ausländern. Um die widersprüchliche Situation zu lösen, bedurfte es der Verbreitung von Marihuana als Heilmittel und der Versuche zur Legalisierung in Colorado und Uruguay. Das jamaikanische Justizministerium formulierte letztes Jahr im Zusammenhang mit der Legalisierung, dass es die Erfahrungen der experimentierenden Staaten im Auge behalten und seine Politik entsprechend gestalten werde. Es dauerte nicht lange, bis die Ganja Law Reform Coalition von Jamaika eine internationale Konferenz über die Möglichkeiten des legalen Grasreglements in Kingston veranstaltete. Im April 2014 folgte eine weitere Versammlung, auf der neben den einheimischen auch Redner aus den USA und Kanada über die wohltuenden Wirkungen des Cannabis referierten. “Die Zeit ist gekommen, den Jamaikanern die Möglichkeit zu geben, von der Marihuana-Industrie zu profitieren!” Diesen gewagten Spruch hörte man nicht von einem Drogenreformer, sondern er kam von Angela Brown Burke, der Bürgermeisterin von Kingston. Besonders pikant macht diesen Satz die Tatsache, dass Angelas Ehemann jener Paul Burke ist, der sich als Programmleiter der kürzlich gegründeten Ganja Union und als Generalsekretär der Regierungspartei profilierte. Ein weiteres Zeichen für das Reformengagement erging, als Phillip Paulwell, Leiter der Regierungsangelegenheiten des Abgeordnetenhauses, verkündete, dass dieses Jahr der Besitz einer geringen Menge entkriminalisiert werde. In Colorado ist man der Meinung, dass Jamaika ein führendes Land der Marihuana-Industrie sein könnte, weil dort auch die in Colorado gewonnenen Erfahrungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteile umgesetzt werden könnten. Jamaika hatvor allem mit einem langsamen Wirtschaftswachstum, Armut, hoher Arbeitslosigkeit und den in den letzten Jahren angehäuften gewaltigen Schulden zu kämpfen. Dazu kommt die auffallend hohe Zahl von Gewaltverbrechen im Land: 700 Tötungsdelikte auf 2,7 Millionen Einwohner jährlich sind eine der höchsten Zahlen weltweit. Die Gewalttaten zu bremsen war auch einer der Hauptgründe für die Legalisierung in Uruguay.

Ministerprasidentin Portia Simpson MillerAlle Voraussetzungen gegeben

Um den jamaikanischen Traum wahr werden zu lassen, wäre es lediglich nötig, die existierende Gesetzesvorlage anzunehmen. Mit geschätzten 15.000 Hektar gezüchtetem Ganja ist Jamaika gegenwärtig der größte karibische Graslieferant der USA und beherrscht auch den Ganjamarkt in der Region. Zur Akzeptanz der Legalisierung wäre nicht einmal eine Aufklärungskampagne wie in Uruguay nötig. 66% der Bevölkerung haben schon Marihuana probiert und 85% von ihnen unterstützen die Genehmigung von medizinischen Präparaten auf Hanfbasis. Als Resultat der Erhebung entstand im Dezember letzten Jahres Jamaikas erste Firma für Medizinalcannabis, Medicanja! Zum rekreativen Konsum ist das Hohe Haus jedoch geteilter Meinung. Dayton Campbell, Arzt und Parlamentarier, hat an der medizinischen Verwendung von Marihuana nichts auszusetzen, warnt aber vor den Schäden durch den Freizeitgebrauch, beispielsweise vor der negativen Wirkung des häufigen Rauchens auf das in der Entwicklung befindliche Gehirn. Dem Herrn Doktor ist wahrscheinlich entgangen, dass ein Hauptziel und praktisch verbindliches Element der Legalisierung der Schutz der Jugendlichen ist, den das Verbot nicht garantieren kann – siehe die hohe Anzahl von Ganja rauchenden Jugendlichen in Jamaika. Andererseits gibt es nicht nur dieseneinen Weg, das BSP zu erhöhen, wenn man den Ganjatourismus staatlicherseits zuließe. “Wir könnten beispielsweise auch Wasserparks bauen”, meint einer der Direktoren der Hilton-Kette, der wahrscheinlich selbst nicht glaubt, dass man mit ein paar Rutschbahnen die Millionen Ganja- und Reggeafans abspeisen kann. Die Deklaration der jamaikanischen Cannabiskonferenz besagt, dass es keine akzeptablen Einwände gegen das Inkrafttreten der Reglementierung der Marihuana-Industrie Ende September gibt. “Jamaika erwache, bevor deine Chancen verpuffen!” warnt der Aufruf, wir nicken dazu nur heftig.