Amerikanische Wendungen Nov25

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Amerikanische Wendungen

Ende der Verfolgung, der Drogenkrieg tritt in die Schlussphase

Die hohe Drehzahl der Legalisierungsmaschinerie führt dazu, dass wir alle zwei Monate über Ereignisse berichten können, die den Lauf der Dinge grundlegend beeinflussen. Nun ist die Zeit der günstigen Nachrichten angebrochen, denn nach und nach fallen die Hindernisse zur Schaffung eines legalen Hanfmarktes.

Im letzten Teil unserer Artikelserie waren wir noch besorgt, weil der Bund immer noch keine Stellung zu den legalisierenden US-Staaten beziehen wollte und keine Weisung für die Ausgestaltung des Hanfmarktes – die auch auf Bundesebene annehmbar wäre – abgab. Zudem läuft weiterhin die Strafverfolgung der Konsumenten. In der zweiten Jahreshälfte wurden immer mehr offene Fragen beantwortet; die Antworten ergeben ein günstiges Bild von dem Cannabishandel, der alsbald in Colorado und Washington realisiert werden wird.

 

Des Rätsels Lösung

Die größte Schlagzeile ist zweifellos, dass Eric Holder, Justizminister der USA, am 29. August die sehnlich erwartete Erklärung abgab, dass der Bund die Legalisierung in Colorado und Washington nicht behindern werde und nach dem Willen des Volkes die erwachsenen Einwohner legal Cannabis erwerben könnten – auch zum Vergnügen und zur Entspannung. (In diesen Staaten sind Anbau, Konsum und Handel für medizinische Zwecke schon seit zehn Jahren erlaubt! – Der Red.) Damit ist sicher, dass die beiden Staaten Geschichte geschrieben haben und in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium der Prozess zur Beendigung des Drogenkrieges unumkehrbar in Gang gekommen ist. Der amerikanische Justizminister versprach den beiden Staaten “vertrauensvolle Aufsicht”. Das heißt, man wirkt bei der Legalisierung in Colorado und Washington mit, wenn sie mit den nötigen Reglementierungen einhergeht, sich nicht schädlich auf die öffentliche Sicherheit und die allgemeine Gesundheit auswirkt und nicht zu massenhaften Gesetzesbrüchen führt. Obwohl beide Staaten die Umsetzung des legalen Hanfmarktmodells mit strengem Regelwerk planen, bereicherte sie das Ministerium mit acht weiteren Vorschriften. Zu ihrer Einhaltung werden jedoch keine Modifizierungen nötig, denn sie alle fügen sich in die bereits vorgelegten bundesstaatlichen Vorstellungen ein. Im Sinne dieser Vorschriften werden weiterhin Eingriffsmöglichkeiten eingeräumt, wenn einer der folgenden Aspekte nicht umgesetzt wird:

– Verbot des Verkaufs von Marihuana an Jugendliche

– Verbrecherorganisationen dürfen nicht vom Cannabishandel profitieren.

– Es ist nicht erlaubt, Marihuana in Staaten zu überführen, in denen es verboten ist.

– Es darf nicht zugelassen werden, dass unter dem Deckmantel der Cannabislegalisierung auch andere, illegale Mittel in Umlauf gebracht werden.

– Die Anwendung von Gewalt und illegalen Waffen bei der Cannabiszucht und beim Handel mit Cannabis ist nicht zu dulden.

– Es ist anzustreben, das Fahren unter Einfluss von Cannabis und andere Gefahren für die Volksgesundheit zurückzudrängen.

– Der Anbau von Marihuana auf öffentlichen Plätzen und die damit verbundenen Schäden für die Umwelt sind zu verhindern.

– Besitz und Konsum von Marihuana auf Bundesterritorium bleiben weiterhin verboten.

Ein Großteil dieser Vorgaben erschien schon in den ursprünglichen Legalisierungsplänen und spiegelt den Charakter eines regulierten Hanfmarktes wider, der sich im System des Verbots nie verwirklichen konnte.

Der Flaschengeist

Wie nicht anders zu erwarten war, rief die Erklärung ein starkes Echo hervor, und kurz darauf konnte man Zeuge neuerlicher Gesinnungswechsel werden. Das überraschendste Coming-out in dieser Hinsicht hatte der Senator von Arizona John McCain, der Anfang September äußerte: “Mag sein, dass man legalisieren müsste. Entschlossen gehen wir in diese Richtung, was das Marihuana betrifft, und ich halte den Willen des Volkes in Ehren.” Aus dem Mund von McCain ist das so glaubwürdig wie ein Nachdenken des Papstes über die Homosexuellenehe. McCains Eifer im Drogenkrieg suchte nämlich in der Wahlkampfzeit 2008 selbst unter Republikanern noch seinesgleichen. Obamas ehemaliger Rivale hatte früher eine Gesetzesvorlage zu einem Verbot der staatlichen Unterstützung für die Behandlung von Drogenabhängigen ausgearbeitet. Nicht nur, dass er keinen Gedanken an die Legalisierung von Marihuana verschwendete, er war auch ein lautstarker Gegner der medizinischen Anwendung, was er mit der damals sehr verbreiteten Einstiegsdrogentheorie zu untermauern versuchte. 2012 stellte sich heraus, dass seine Tochter zu den Befürwortern der Legalisierung zählte und auch die erwähnte “Einstiegsdroge” nicht verschmäht. Doch dass ein Politiker vom Schlage McCains deswegen plötzlich den Volkswillen zu ehren beginnt, ist dennoch unwahrscheinlich. Patrick Leahy, der demokratische Senator von Vermont, formulierte kürzlich auf einer Anhörung etwas schärfer, was man mit der Marihuanaregulierung beabsichtige. Der schon über 70-Jährige sagte: “Das absolute Verbot des persönlichen Marihuanakonsums hat zu einem Anstieg der Gefängnispopulation unserer Nation geführt. Wir brauchen in der Marihuanapolitik einen klügeren Ansatz.” Wie schön das auch klingen mag, ein paar Monate früher wäre das ein Affront gewesen.

Marihuana vom Doktor

Neben dem Willen des Volkes beziehungsweise sozialen und wirtschaftlichen Argumenten ließ sich mancher schließlich von den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Marihuana überzeugen. Zu ihnen gehört der Neurochirurg Dr. Sanjay Gupta, der als CNN-Korrespondent und Gesundheitskolumnist des Time Magazine bekannt wurde. Im letztgenannten Blatt veröffentlichte er 2009 einen Artikel, in dem er darlegte, warum er die medizinische Anwendung von Marihuana ablehne. Doch seitdem hat auch er umgedacht. Nun bat er in einem brillanten Artikel um Nachsicht, dass er sich nicht früher mit der nötigen Gründlichkeit mit der medizinischen Forschung auseinandergesetzt und die Aussagen von Marihuanapatienten nicht ernst genommen habe. Das Thema packte ihn so, dass er sich nicht nur in die Fachliteratur vertiefte, sondern auch einen Film zu diesem Thema drehte. Er interviewte Patienten, die medizinisches Marihuana nehmen, Forscher und Betreiber von Marihuana-Apotheken, um daraus den Film Weed zu entwickeln. Auf der Webseite von CNN bringt er zum Ausdruck, dass das gesamte amerikanische Volk schon seit siebzig Jahren Opfer einer systematischen Irreführung wurde, indem versucht wurde, die Heilwirkung des Cannabis zu verheimlichen, während Forschungen, die zu mehr als 90 % auf schädliche Wirkungen ausgerichtet sind, gefördert wurden. In seinen Schriften zeigt er auf, wie schwierig es ist, Forschungen genehmigt zu bekommen, die sich auf die positiven therapeutischen Eigenschaften von Cannabis beziehen. Er findet es erschreckend, dass die Regierung schmerzstillende Medikamente fördert, die Morphin und Opiate enthalten, obwohl in den USA alle 19 Minuten ein Mensch an deren Überdosierung stirbt. Gupta ist offensichtlich auch dem Gedanken an Legalisierung nicht abhold, obwohl er bei diesem Thema nur einen der wichtigsten Aspekte der Anhänger des regulierten Marktes wiederholt: Hauptsache, dass die Pflanze nicht in die Hände von Jugendlichen gelangt! Schließlich drückt er die Hoffnung aus, dass das Marihuana bald nicht mehr zu den gefährlichsten Drogen gezählt wird und sich dann in breiten Kreisen zur medizinischen Anwendung verbreiten kann. Die aktuellen Umfragen zeigen, dass die Akzeptanz von Marihuana in der Bevölkerung steigt – sei es aus sozialem Empfinden oder durch die Einsicht in wissenschaftliche Erkenntnisse. Und wir können langsam wirklich daran glauben, dass wir die Epoche des Marihuanaverbots endlich hinter uns lassen werden.