American Hanf

Die Geschichte des Marihuanas in der Neuen Welt

Das schwarze Amerika im Puls des Reggae, Woodstock als größte Friedensdemonstration aller Zeiten, ein Präsident, der zugibt, gekifft zu haben, und die mit Volksabstimmungen erreichte Legalisierung in Washington und Colorado – all das zeigt, dass die U.S.A. wahrhaftig das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. In New York, Kalifornien und einigen anderen Bundesstaaten wird weltweit am meisten Marihuana konsumiert; damit sind diese Staaten dem Rest des Landes voraus, wo ohne jeden Sinn und Verstand der Krieg gegen die Drogen wütet. Anlässlich des Legalisierungserfolgs in Washington und Colorado vertiefen wir uns ein wenig in die Geschichte des amerikanischen Hanfs.

 

Bereits seit dem Jahr 1545 ist die psychoaktive Wirkung des in Südamerika in großer Menge angebauten Marihuanas bekannt. Besonders populär ist es bei den Armen – deshalb der Name “opio do popré” – Opium der Armen. Sein Konsum nahm erst im 19. Jahrhundert ein größeres Ausmaß an, in erster Linie unter den Sträflingen. Nachdem es Zentralamerika und Mexiko erreicht hatte, kam es ungehindert nach Texas und Louisiana. Die Ärztekammer von Ohio empfahl im Jahre 1850 Marihuana zur Behandlung von mehr als 20 verschiedenen Krankheiten, und allgemeine medizinische Fachbücher rieten zur Verwendung der Pflanze bei der Behandlung von psychischen Krankheiten wie Hydrophobie.

Ähnlich wie in Europa wurde der Hanf in Amerika wegen der Fasern angebaut. In Chile wurde er bereits im Jahre 1545, in Kanada 1606, in Virginia 1611 und in Massachusetts im Jahre 1630 in puritanischen Siedlungen in industriellen Mengen angebaut. Für die Kolonien war Hanf sehr wichtig für die Herstellung von Stoffen und Schiffstakelage. Die Hanf-Industrie nahm 1775 in Kentucky ihren Anfang, 50 Jahre später erstarkte sie auch in Missouri, wo die Produktion allein im Jahre 1860 40.000 Tonnen überschritt. Hinsichtlich der industriellen Bedeutung stand der Hanf im Süden des Landes nach der Baumwolle an zweiter Stelle, bis sich dies schlagartig mit Beginn des Bürgerkriegs änderte. Selbst wiederholte Versuche von Seiten des Landwirtschaftsministeriums konnten dies nicht ändern, vergeblich importierte man chinesische und italienische Hanfsamen nach Illinois, Nebraska und Kalifornien.

Das giftige Gas

Obwohl bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Anbau und Besitz in den Vereinigten Staaten nicht strafbar waren, unterschlugen viele Ärzte die Marihuanapflanze in ihren Heilmittelbüchern. Das bald darauf folgende Verbot lag primär in der Identität der Marihuana-Konsumenten begründet – mexikanische Arbeiter, Schwarze aus dem Süden, Sklaven und Neueinwanderer, welche die “Unternehmer” aus dem Süden wegen der Weltwirtschaftskrise der Zwanzigerjahre loswerden wollten. Um dies ohne Gewissensbisse tun zu können, verbreiteten sie das Gerücht, dass Cannabis bei den Konsumenten mörderische Neigungen hervorbringe und die Hauptursache für die Kriminalität darstelle. Die bigotten, rassistischen Politiker plapperten bereitwillig nach, dass der Genuss von Marihuana Wahnsinn, Geilheit, Gewalt und Verbrechen hervorrufe. Mit dieser Einstellung identifizierten sich bald die Medien, und die um sich greifende Unsicherheit stabilisierten sie mit Schlagzeilen wie “Marihuana-Gefahr” oder “mörderisches Gas” nicht nur, sondern verstärkten schrittweise die Anti-Marihuana-Hysterie als Vermächtnis an die nächste Generation. 1929 befürworteten schon sechzehn westliche Staaten restriktive Maßnahmen bezüglich des Marihuana-Konsums, und im Jahr 1930 wurde die Federal Drug Agency (FBN) mit dem berüchtigten Harry Anslinger an der Spitze gegründet.

Bis dahin war das Grasrauchen in Amerika nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern üblich, und auch Experten winkten nur ab, weil sie es für viel weniger schädlich hielten als das echte Cannabisharz (Haschisch). Aus dieser für harmlos gehaltenen Welle des Konsums von Marihuana-Zigaretten ergaben sich dann jede Menge Probleme, weil es damals ohne ein Qualitätskontrollsystem zum Verbraucher gelangte und daher die Qualität unzuverlässig und sehr unterschiedlich war.

Schließlich verbot die republikanische Mehrheit im Kongress mit einem Federstrich sowohl Marihuana wie auch Alkohol (Besitz wurde nur nach ärztlicher Verschreibung erlaubt), und auch das Verbot anderer Schmerzmittel sowie des Koffeins wurden stark erwogen. Der Urheber der Idee, Anslinger, jedoch glaubte nicht wirklich an das Ausmaß des Problems, seine grundlegende Motivation war eine ganz andere als die Behandlung der durch Marihuana verursachten sozialen Probleme. Nachdem das Alkoholverbot im Jahr 1933 aufgehoben wurde, wandten die zu diesem Zeitpunkt entwickelten staatlichen Kontrollkapazitäten sich mehr dem Marihuana zu. Zwei Jahre später verschärfte fast jeder Staat die Regeln für den Konsum; die örtliche Polizei und einflussreiche Politiker erreichten, dass das FBN ein Bundes-Marihuana-Gesetz vorlegte. Anslinger brachte im Jahr 1937 den Marihuana Tax Act durch den Kongress, was die Hanfindus-trie praktisch zum Erliegen brachte. Nachdem 1942 Japan die Philippinen besetzt hatte und damit den Nachschub von Manilahanf (Abaca) unterbrach, ließen besorgte Beamte den Bauern im Mittleren Westen Informationen über den Hanfanbau sowie 200 Tonnen Hanfsamen zukommen. 1943 produzierten die Hanferzeuger in Minnesota, Iowa, Illinois und Wisconsin noch 63.000 Tonnen Hanffasern, jedoch nur bis zum Jahr 1946.

Immerhin wucherten einige Hanfsorten frei im ganzen Land – wie Dornröschens Rosenhecke – ausgenommen im sumpfigen Südosten und im gebirgigen Südwesten. Im folgenden Jahrzehnt beschäftigte sich Fiorello H. LaGuardia, Bürgermeister der Stadt New York, intensiv mit dieser Frage und organisierte ein Komitee zur Aufklärung der wahren Auswirkungen des Marihuana-Gebrauchs. Der 1944 veröffentlichte Bericht rief dann auch große Überraschung und scharfe Debatten in der Presse hervor. Im Gegensatz zum Standpunkt der Federal Drug Agency hatte sich herausgestellt, dass Marihuana weder Gewalttätigkeit hervorruft (ganz im Gegenteil), auch keine Neigung zu Sexualstraftaten, noch den Verstand verwirrt oder zur Sucht führt. Dem zum Trotz verschärfte das im Jahre 1956 erlassene neue Betäubungsmittelgesetz (Narcotics Control Act) drastisch die Strafen für Taten in Verbindung mit Drogen, Cannabis eingeschlossen. Für dessen Besitz hat nun ein Richter mindestens zwei Jahre (beim ersten Mal) und mindestens fünf Jahre (im Wiederholungsfall) zu verhängen.

Woodstock und die 60er Jahre

Anslingers “Kreuzzug” ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Regierungspropaganda das individuelle Leben und den Glauben der amerikanischen Bevölkerung beeinflussten. Auf der Drogenliste der Vereinten Nationen von 1961 wird Cannabis mit Kokain und den Opiaten in einen Topf geworfen, weil “seine stark süchtig machende Wirkung eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellt”. In den Medien wurden zu dieser Zeit verstärkt ihrer Meinung nach – und nach der Meinung der konformistischen und prüden Amerikaner – abschreckende Propagandafilme gezeigt, in denen die Menschen unter dem Einfluss von Marihuana nackt im Meer badeten, geistlos wieherten und der freien Liebe frönten. Die Wirkung blieb natürlich nicht aus. Eine Welle des Marihuana-Konsums von bis dato ungekanntem Ausmaß setzte ein, der noch zugute kam, dass die Regierungen Kennedy und Johnson für die Aufhebung der strengen Sanktionen sorgten. J.F.K. – der selbst Cannabis zur Schmerzlinderung benutzte – enthob im Jahre 1962 Harry Anslinger seines Amtes, und für die wegen Konsums von Cannabis Verhafteten empfahlen die Behörden medizinische Therapien anstatt Gefängnisstrafen.

Das im Namen von “Peace, Music and Love” zum Mythos gewordene dreitägige Woodstock-Festival war eine Demonstration der andersdenkenden, neuen Generation. Es ist übrigens wahr, dass George Harrison und John Lennon ein Jahr zuvor für den Besitz von Cannabis verhaftet worden waren, aber dort gab es keine Tabus mehr. Das Publikum glaubte fest daran, dass Liebe, Musik, Drogen und Offenheit die Dinge verändern können. Daher ist Woodstock eine schöne Utopie – der amerikanische Traum, neu geträumt. Während der drei Tage geschah kein Gewaltverbrechen (obwohl eine Menge Gras geraucht wurde), die Zelte der Sanitäter wurden von 5.162 Menschen aufgesucht, davon standen 797 Fälle im Zusammenhang mit Drogenkonsum. Leider gab es auch zwei Todesfälle, aber nicht einmal zufällig eine Marihuana-Überdosis.

1970 fegte die Entkriminalisierungspolitik durch die Staaten und brachte eine breite Akzeptanz für Cannabis. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten etwa 25 Millionen Amerikaner schon einmal Gras geraucht, und die Zahl der regelmäßigen Konsumenten wurde auf 12 Millionen geschätzt. Wegen Besitzes wurden etwa eine Million junge Menschen verhaftet. Für weitere Millionen hätte man neue Gefängnisse bauen müssen, was Präsident Nixon schließlich mit der Gesetzesänderung löste, dass “die Drogenproduzenten und Händler schärfer bestraft werden, man aber den Konsumenten gegenüber nachsichtiger wird”. Die Liberalisierung war jetzt nicht mehr aufzuhalten: Elf Staaten bestraften nicht mehr für den Konsum, und auch die übrigen reduzierten die Strafen. Im Jahr 1975 wurde (im Prinzip) der partielle medizinische Gebrauch gestattet.

Unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan veränderte sich dann wieder die Haltung zum Cannabis, nachdem sich in den 70er Jahren überall in den USA der Verbrauch erhöht hatte. Nach der Erhebung des National Institute on Drug Abuse war das Spitzenjahr 1979. Damals hatten 60% der Gymnasiasten mindestens einmal in ihrem Leben Marihuana geraucht und 10% konsumierten es täglich. Durch Fortschritte in den sich gleichzeitig entwickelnden Produktionstechnologien stieg auch der THC-Gehalt, 1980 betrug er durchschnittlich 3,8% – im Vergleich zu 1% in den 70er Jahren.

Auf Lunge rauchen, das ist der Punkt!

Der Nachfolger Reagans, der konservative Präsident Bush (der Ältere), brachte dem Marihuana zwar keinen Durchbruch, verschlimmerte aber auch nicht die Situation. Sofern wir die vergeudeten Jahre und die Fortsetzung der bis dahin üblichen, überflüssigen Inhaftierung wegen Marihuana-Besitzes nicht als Verschlimmerung betrachten. Der nächste demokratische Präsident Bill Clinton betrieb im Jahr 1992 Schönfärberei, als bei seiner Präsidentschafts-Kampagne Boulevardnachrichten bezüglich seiner Kifferei zu Unizeiten auftauchten: Er habe nicht auf Lunge geraucht und nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in England. Dies gab später Barack Obama Anlass zu einer ironischen Bemerkung bei den Präsidentschaftswahlen 2008: “Als ich ein Kind war, habe ich auf Lunge geraucht. Das war ja das Wesentliche”, sagte der amtierende Präsident den Reportern. Heutzutage kann also ein westlicher Politiker ruhig zugeben, dass er Marihuana geraucht hat.

Der Marktwert des in den Vereinigten Staaten produzierten Marihuanas übertrifft offiziell den von Mais als profitabelste Nutzpflanze. Kalifornien ist das größte Marihuana-Anbaugebiet mit mehr als einem Drittel der Landesproduktion. Der Wert der dortigen Produktion übersteigt denjenigen von Trauben, Gemüse und Heu zusammen. Heute erlauben schon siebzehn US-Staaten die Nutzung und den Vertrieb von Cannabis für medizinische Zwecke, in Kanada können Ärzte seit 2005 Cannabis als Medikament verschreiben.

In rigoros kontrollierten Ländern werden im Allgemeinen nicht weniger Drogen konsumiert als dort, wo die Gesetze permissiver sind, aber die US-Regierung kämpft weiterhin gegen Marihuana, obwohl sie immer noch der weltweit größte Absatzmarkt sind. Die Volksabstimmungen in Washington und Colorado im November ändern nichts an der Tatsache, dass Tausende von Menschen derzeit für Vergehen im Zusammenhang mit Marihuana im Gefängnis sitzen und jährlich fast eine Million Menschen für den reinen Besitz festgenommen werden. Die Daten zeigen, dass der Krieg gegen die Drogen im Hinblick auf Marihuana ein totaler Misserfolg ist. Auch weiterhin probieren 40-50% der jungen Menschen früher oder später Gras, und dieser Prozentsatz ist seit langem stabil. Darüber hinaus hat sich der Preis von illegalen Drogen in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, welch gewaltige Verteuerung eintreten würde, wenn der Drogenkrieg nur ein bisschen Erfolg hätte.

Kehren wir zu unserem ersten Gedanken zurück, dann ist Amerika wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das vielen viel gegeben hat und auch heute noch viele Möglichkeiten bietet. Es wird erfunden, vertrieben, glauben gemacht, verboten, dann überdacht, verändert, geduldet, manchmal reguliert, mal gefürchtet, mal verherrlicht, dann wieder wird es verfolgt und der Polizei überantwortet, oder den Ärzten. Unterdessen bauen es Millionen an, konsumieren es und hoffen, dass Amerika auch ihnen eine Möglichkeit bietet. Nun ist endlich ihre Zeit gekommen!

 G. Holland

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