ADHS, Cannabis und Führerschein

Ralf Herrmann ist 39 Jahre alt und arbeitet in der IT-Branche im Außendienst. Schon lange hilft dem chronisch an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) Leidenden Cannabis bei der Linderung seiner Symptome – seit zweieinhalb Jahren bezieht er sein Gras aus der Apotheke. Und da er beruflich auf das Autofahren angewiesen ist, hat er inzwischen sogar durchgesetzt, dass er auch unter Cannabiseinfluss am Straßenverkehr teilnehmen darf.

 

Medijuana: Unter welchen Beschwerden leiden Sie und wie lange geht das schon?

Ralf Herrmann: ADHS begann bei mir schon im Kindesalter mit etwa sechs Jahren, die chronischen Beschwerden kamen dann mit dem Beruf – da war ich Anfang 20. Zusätzlich zu dem ADHS kamen noch chronische Beschwerden an der Halswirbelsäule und Arthrose. An guten Tagen habe ich nur mittlere Schmerzen – an schlechten Tagen stehen einem die Tränen in den Augen. Damals sollte ich Herointabletten und Ritalin nehmen – doch das Erste wollte ich nicht und das Zweite vertrug ich nicht. Das Einzige, was mir bei beiden Krankheiten immer geholfen hat, war und ist Cannabis.

MED: Da kommt man ja schnell mit dem Gesetz in Konflikt, obwohl man nur seine Schmerzen lindern will.

RH: Ja, man zwang mich damals auch schon mal zu einer Cannabis-Drogentherapie. Ich hatte da gar keine andere Wahl und musste mir in dieser Zeit meine Medizin immer illegal besorgen. Dabei wurde ich dann auch prompt zigmal erwischt – letztendlich endete das sogar mit einer Haftstrafe. Unzählige Geldstrafen waren ebenfalls mit dabei – ich glaube, damit könnte ich inzwischen eine Eigentumswohnung kaufen. Aber leider verdiente vor allem der Staat sehr gut an meinen Leiden.

MED: Hat man auch versucht, Ihnen den Führerschein wegzunehmen?

RH: Ja, der wurde nun schon zwei Mal von den Behörden eingezogen. Das erste Mal im Jahre 2000, für insgesamt sechs Jahre. Und das zweite Mal 2010 für fast zwei Jahre. Beide Male verlor ich dadurch meine gesamte Existenz, ich konnte praktisch nicht mehr arbeiten. So versuchte ich dann auch 2010, gegen den erneuten Verlust meines Führerscheins mit vier Anwälten vorzugehen, da mir von meinen Ärzten nachweislich Ritalin und das synthetische THC-Präparat Dronabinol verordnet worden war und da auch im erstellten Gutachten gleich im zweiten Satz stand, dass man keine Ordnungswidrigkeit begeht, wenn der Konsum medizinisch bedingt ist. Doch obwohl genau das der Fall war, wurde ich wieder wie ein ganz normaler Konsument abgestempelt.

MED: Und was geschah dann?

RH: Dann spielte der Zufall mit und ein guter Freund zeigte mir im Internet die Seite des ACM – was mein Leben entscheidend verändern sollte. Das war mir zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht klar, aber über diese Seite fand ich persönlich eine optimale Lösung. Herr Doktor Grotenhermen berichtete auf der Internetseite, dass es möglich sei, eine Erlaubnis für ganz legales medizinisches Cannabis von der Bundesopiumstelle zu bekommen. Das habe ich prompt versucht – aber ich fand einfach keinen Arzt, der mit mir diese Therapie starten wollte. Irgendwie schienen alle Angst davor zu haben und redeten sich raus. Doch ich hatte dann doch noch Glück, denn letztendlich konnte ich den fachlich gesehen vielleicht besten Arzt aus Heidelberg davon überzeugen, sich für mich und meinen Fall einzusetzen.

MED: Das scheint geholfen zu haben…

RH: Ja, im Dezember 2010 bekam ich schließlich die Erlaubnis – übrigens eine der ersten aufgrund von ADHS. Dazu muss ich allerdings sagen, dass das ohne die zehn Jahre Vorarbeit gar nicht möglich gewesen wäre, denn erst musste ich ja von der Schulmedizin austherapiert sein. Bis dato war in der Medizin ja überhaupt noch nicht bekannt, dass auch Cannabis bei ADHS sehr gut helfen kann. Zu diesem Zeitpunkt gab es lediglich zwei Personen, bei denen das Tourette-Syndrom diagnostiziert wurde und die auch eine Erlaubnis für medizinisches Cannabis erhalten hatten. Da fällt mir ein – ich kann es gar nicht oft genug sagen: Lars und Marcel, vielen Dank für Eure Hilfe!

MED: Haben Sie dann dank der erteilten Erlaubnis auch Ihren Führerschein zurückgekriegt?

RH: Das habe ich probiert und ging mit meinen neuen Dokumenten zur Führerscheinstelle. Dort sprach ich mit der zuständigen Abteilungsleiterin darüber, wie das in Zukunft nun weitergehen soll. Ich erklärte, dass es nun mal nicht besser mit meinen Krankheiten wird und dass ich nur mit Cannabis mein Leben so gestalten kann wie bisher. Ohne Führerschein könne ich auch keinen Außendienst in der IT-Branche machen und wäre arbeitslos. Bald wurde der Beamtin klar, dass Straftaten tatsächlich auch krankheitsbedingt verübt werden können und dass ein Fall nicht nur deshalb falsch sein muss, weil es bisher noch keinen solchen Fall gab. Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich eine MPU mache – damit wären beide Seiten ausreichend abgesichert. Das verstand ich und machte brav alles mit.

MED: Wie ging es dann weiter?

RH: Ich bestand die MPU und musste dann ein Jahr lang nachweisen, dass ich ausschließlich Cannabis nehme – es durften nun kein Ritalin oder andere Substanzen mehr in meinem Blut sein. Die Zeit verging und letztes Jahr im April bekam ich schließlich ein positives Gutachten, dass ich geeignet bin zum Führen eines Kraftfahrzeuges unter Einfluss von Cannabis. Leider bekam ich auch die Auflage, ein weiteres Jahr Drogen-Screenings über mich ergehen lassen zu müssen. Bis heute habe ich fünf von sechs Urinkontrollen absolviert – alle positiv! Dieses Prozedere geht jetzt noch bis Mai, dann wird entschieden, ob eine weitere MPU nötig sein wird. Ich hoffe nicht. Aber wenn, dann bestehe ich die sofort – da habe ich gar keine Bedenken mehr. Inzwischen weiß ich ganz genau, was ich da zu sagen habe.

MED: Zahlt Ihre Krankenkasse das medizinische Cannabis oder bleiben die Kosten an Ihnen hängen?

RH: Tatsächlich müssen wir Genehmigungsinhaber alle unsere Selbsttherapie selbst finanzieren. Ziemlich genial – da nutzt einem die Erlaubnis auch nicht weiter. Brix-verseuchtes Straßenkraut will ich gar nicht erst haben, und so blieb mir gar nichts anderes übrig, als einen weiteren Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zu stellen: Ich beantragte eine Genehmigung für den Eigenanbau, sodass ich meine Medizin selbst herstellen könnte. Mein Arzt verordnete mir zwischen 50 Gramm und maximal 100 Gramm pro Monat. Das ist bei 15 Euro pro Gramm Apotheken-Gras einfach nicht finanzierbar. Und so zog sich der Schriftverkehr lange hin – und dann kam die endgültige Ablehnung. Nun gab es zwei Wege für mich: Entweder, ich vertraue darauf, dass mich eh kein Richter verurteilen würde, da ich mich juristisch betrachtet “im Notstand” befinde – oder ich reiche tatsächlich eine Klage beim Verwaltungsgericht ein. Der Zeitpunkt schien dafür geeignet zu sein, da der ACM noch einen weiteren Patienten in seinem Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht unterstützen wollte. So bekam ich schließlich den besten Anwalt, der auch schon den Präzedenzfall Michael F. vertrat. Für mich war es ein ausgesprochener Segen, genau zu diesem Zeitpunkt anwaltliche Hilfe zu erhalten – alleine hätte ich das niemals geschafft. Auch hier kann ich mich nur noch mal beim ACM/SCM und der Kanzlei Mensch und Recht in Hamburg bedanken – ganz besonders bei Herrn Doktor Tolmein. Ich muss sagen, dass ich in dieser schweren Zeit auch sehr viele Menschen kennenlernen durfte, die mich sehr unterstützt haben und dank derer ich nun wieder ein würdevolles und geregeltes Leben führen kann. Was mich persönlich an den ganzen Erfahrungen immer wieder aufs Neue erstaunt, ist die Vielzahl an Leiden, die mit Cannabis sehr gut gelindert werden können. Diese Erkenntnis hat mich in einigen Fällen sehr bewegt.

MED: Was bemerken Sie als aktiver Konsument von den schädlichen Wirkungen, die dem Cannabis zugeschrieben werden?

RH: Heute, mit meinen langjährigen Erfahrungen mit Cannabis, muss ich sagen, dass vieles gar nicht so stimmt, wie es von den Massenmedien dargestellt wird. Denn Cannabis macht nicht dumm, es schädigt weder das Gehirn noch den Körper und hat keine negativen Nebenwirkungen. Selbst bei einer Überdosierung schläft man gut oder isst mehr als sonst – und an einer Überdosis Cannabis ist auch noch keiner gestorben. Wir Patienten haben ja noch die Möglichkeit, in der Apotheke für teures Geld geprüftes medizinisches Cannabis zu erhalten – aber was, bitteschön, sollen die Freizeit-Konsumenten machen? Sollen sie weiter gestrecktes Gras rauchen? Auch als Rohstoff sollte Hanf wieder zurückkehren – denn diese schnell wachsende Pflanze hat uns viel zu bieten. Doch wir machen daraus vor allem eine angeblich gefährliche Droge, die eher eine sehr vielseitige Medizin ist.